Bocca di Rosa – Zum 750. Todestag von Giovanni Boccaccio
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Die sechs italienischen Poeten, Väter der italienischen Sprache. Von links nach rechts: Cristoforo Landino, Marsilio Ficino, Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio, Dante Alighieri und Guido Cavalcanti. Bild: Giorgio Vasari, Sei poeti toscani, 1544, Öl auf Holz, Minneapolis Institute of Art
Man lasse sich nicht täuschen von dem Gruppenporträt, darin der Hofmaler Vasari die Heroen der florentinischen Dichter- und Gelehrtenwelt dreier Jahrhunderte zum Ruhme des Hauses Medici (ihr Kugelwappen, im Vordergrund zu Globen aufgebläht) annähernd so präsentierte, wie ein gegenwärtiger amerikanischer Präsident sich und seine Entourage vermutlich auf einem Wandgemälde im künftigen Donald J. Trump Center for the Performing Arts sehen möchte. – An seinem Taufaltar im geliebten Baptisterium, die Lorbeerkrone zu empfangen, war der Traum Dantes, der mit Cavalcanti und Petrarca die Poesie und das Exil teilte. Anders Boccaccio, auch er ein Außenseiter, der im fortgeschrittenen Alter zum Insider wurde, als er die bis heute reichende Tradition der öffentlichen Lectura Dantis ins Leben rief: Der unehelich geborene Kaufmannssohn, dessen Mutter im Wochenbett verstarb, streifte zwischen den Städten und Höfen Italiens umher und schaute allerorts dem Volk aufs Maul. Seine Biographie gibt Rätsel auf, doch eines war er nicht: Er war kein lateinischer Humanist, verfügte, bis er unter den Einfluss Petrarcas kam, über wenig Lateinkenntnisse, um vielmehr in der Sprache Dantes, dem toskanischen Dialekt, aus dem das moderne Italienisch entstand, in Reimen und Sonetten die Liebe zu besingen, wenn auch die zumeist unglückliche, unerfüllte oder geradezu unwirkliche. Doch, anders als bei seinen älteren Kollegen, erhielt die zum Topos des Unsagbaren schlechthin gewordene „Frau im Kopf“ – „la donna della mia mente“, von der Dante zufolge „so zu sprechen (sei), wie nie zuvor von einer Frau gesprochen wurde“ (deshalb: besser gesungen!!!) – bei Boccaccio eine irdische, körperliche, sexuelle und sogar gesellschaftsstiftende Statur, wie in der Rahmenhandlung des Decameron, vor dem Hintergrund der Schwarzen Pest und des gesellschaftlichen Zusammenbruchs des Jahres 1348. Dazu aber musste Boccaccio von der Lyrik zur Prosa wechseln, und da er ein guter Zuhörer und überall Auge und Ohr war, verdanken wir seinem Meisterwerk, den zehn Tagen des Decameron, die Erfindung der modernen Novellendichtung. VB

