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Cinecittà

De Gustibus & Cinecittà 2026

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Es gibt ein Dessert in Italien, das berühmter ist als alle anderen. Man findet es in jedem italienischen Restaurant, und wenn man irgendwo auf der Welt danach sucht, hat man gute Chancen, es zu finden. Es ist ein Dessert, das Kinder ein wenig erwachsen fühlen lässt, weil Kaffee darin ist, und Erwachsene wieder zu Kindern macht, so dass sie am liebsten den Teller abschlecken würden. Die Rede ist natürlich vom… Tiramisu!

So populär das Tiramisu ist, so unsicher ist seine Entstehungsgeschichte. Eigentlich wissen wir nur zwei Dinge: dass es ein modernes Dessert ist, wahrscheinlich aus den Sechzigerjahren – Pellegrino Artusi erwähnt es mit keinem Wort in seiner Bibel der Kochbücher La scienza in cucina e l’arte di mangiar bene – und dass es wohl zum ersten Mal das Licht der Welt in Treviso erblickt hat.

Letzteres fand ich schon immer kurios.Treviso, diese provinzielle Stadt im Veneto, die wie ein sorgsam gehütetes Juwel wirkt. Alles ist ordentlich, die Autos neu, der Putz der Häuserwände frisch, die Menschen gut angezogen, aber ohne ins Auge zu fallen. Man hat das Gefühl, hier gehe jeder in die Kirche und führe ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Ausgerechnet hier, in dieser übersättigten Ödnis zwischen Dolomiten und venezianischer Lagune, soll das genialste Dessert entstanden sein, das an sich ein riesiger Widerspruch ist: ein Feuer der Fantasie, ein Mischmasch der Elemente, ein genialer Pudding, ein einziges, herrliches Durcheinander.

Hinzu kommt eine weitere Kuriosität, wenn auch nur in Form einer Theorie. Der Name Tiramisu – „zieh mich hoch“ – soll auf die aphrodisierende Wirkung seiner Zutaten anspielen. Löffelbiskuits, Mascarpone, Eigelb, Zucker, Espresso, Marsala, Kakaopulver. Eine Mixtur, die Kraft verspricht, Genuss, Leidenschaft, geistige, aber vor allem körperliche. So etwas Gewagtes, sogar Obszönes, ist schwer vereinbar mit der kleinbürgerlichen, katholischen Fassade der Kleinstadt.

Um dieses Rätsel zu verstehen, denke ich an einen alten Film. Nicht irgendeinen, sondern ein Meisterwerk der Commedia all’italiana, dem vielleicht unterschätztesten Genres des italienischen Kinos: Signore & Signori von Pietro Germi aus dem Jahr 1966, in Deutschland bekannt unter dem Titel Aber, aber, meine Herren….

In der ersten Szene sitzt eine Gruppe gut situierter Männer am üblichen Tisch ihres Stammcafés. Sie plaudern, blicken über den großen Platz und kommentieren frei das Leben der Stadt. Sie fühlen sich überlegen, was auch immer sie sagen oder tun, sie kommen immer unbeschadet davon, sie beherrschen die christdemokratische Moral perfekt. Doch hinter der Fassade verbirgt sich eine dunkle Welt – voller Lüge, Betrug und Perversion – die kurz ans Licht kommt und ebenso schnell wieder zugedeckt wird.

Da ist der Frauenheld der Gruppe, Gasparini, der seinem Freund dem Arzt seine Impotenz gesteht, die der bald aller Welt weitererzählt. Während seine Freunde hinter seinem Rücken lachen, lacht Gasparini noch mehr, und zwar im Bett der Frau des Arztes, dem er eine schöne Lüge aufgetischt hat. Dann ist da der Bankangestellte Bisigato, gefangen in einer erstickenden Ehe, der von einem neuen Leben mit einer jungen Kassiererin träumt, doch schließlich vor dem erhobenen Zeigefinger von Kirche und Gesellschaft kapituliert. Und schließlich der Schuhverkäufer Benedetti, der gerne junge Mädchen verführt, bis sich aber eines als minderjährig herausstellt und ihr Vater ihn vor Gericht zieht. Nun liegt es an seiner Frau das Problem mit viel Geld – und nicht nur damit – zu lösen. In allen Fällen zählt nur eines: die Fassade bewahren. „Das soll bitte unter uns bleiben“, sagt der Arzt, nachdem er seinen Freund mit seiner Frau im Bett erwischt hat.

Wenn ich diesen Film wiedersehe, das Italien der Sechzigerjahre mit seiner wohlgeordneten Provinzidylle, verstehe ich plötzlich das Tiramisu. Da ist die äußere Form: quadratisch, sauber geschichtet, oben eine makellose Schicht Kakaopulver, adrett, beherrscht. Doch kaum taucht man den Löffel ein, ändert sich alles. Die Konsistenz wird weich, beinahe flüssig. Schichten von in Ei, Kaffee und Likör getränkten Biskuits, dazwischen süßer, schwerer Mascarpone. Je tiefer man dringt, desto saftiger wird es. Da ist Unordnung, Überfluss, Leben.

So ist es beim Tiramisu. So ist es in Treviso. Keine Metapher könnte besser passen. Es kann kein Zufall sein, dass Signori e Signore in den gleichen Jahren, am gleichen Ort wie der Nachtisch gedreht wurde. Das Leben hinter der Fassade ist eine einzig süße Sünde. So war es damals, so ist es heute.

Damiano Femfert

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