Der Lido von Venedig: Ein Spaziergang von der Vergangenheit in die Gegenwart
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Ingeborg Bachmann und Max Frisch in der Via de Notaris in Rom, 1962 Max Frisch-Archiv, Zürich / Foto: Mario Dondero
Die vielleicht berühmteste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur des letzten Jahrhunderts, spielt in Italien, spielt in Rom. Die Österreicherin Ingeborg Bachmann und der Schweizer Max Frisch, beide Schöpfer eines Werkes, das bis heute unglaublich viele Menschen begeistert, waren für einige Jahre ein Liebespaar. Und ihre Liebe spielte in Rom. Es war vor allem ihre Stadt, die Stadt Ingeborg Bachmanns, sie hat sie, mehr als jeden anderen Ort auf der Welt, geliebt. Max Frisch kam und blieb wegen ihr hierher. „Ich lebe in Rom, der herrlichsten Stadt der Welt“, hat er stolz verkündet. Ganz heimisch ist er nicht geworden hier. Das lag auch daran, dass er, so lange er mit der mit der berühmten Dichterin zusammen war, unter ihrer Überlegenheit litt. Unter ihrer Unabhängigkeit. Max Frisch war schrecklich eifersüchtig, Ingeborg Bachmann war, auch während ihrer Paarschaft mit Max Frisch, ein freier Mensch. „Ich wartete in ihrem Rom“, schreibt er in seiner Erzählung „Montauk“, die er Jahre nach ihrer Trennung geschrieben hat. Wie es sich gehört für Schriftsteller, haben sie ihre Liebe, ihr Leiden, ihre Leidenschaft und ihre Schmerzen mit- und füreinander in ihre literarischen Werke hineingeschrieben. Max Frisch vor allem in seinen Roman „Mein Name sei Gantenbein“, in dem die schöne Lila von ihrem Geliebten, dem angeblich blinden Gantenbein, bei ihren Betrügereien und Lügen beobachtet wird. Eine Art literarische Rache des liebeskranken Frisch an seiner notorisch untreuen, freien Gefährtin. Sie hat es später eindrucksvoll beschrieben, wie er in ihrer gemeinsamen Wohnung den ganzen Tag an der Maschine saß und pausenlos und laut und emsig auf die Maschine einhämmerte, während sie sich mit wenigen Zeilen ihrer Gedichte endlos quälte. Er – ein unermüdlicher Berserker der Literatur, sie eine durch leichteste atmosphärische Störungen aus dem Gleichgewicht geratende Lyrikerin. Ingeborg Bachmann rächte sich später in ihrem „Todesarten-Projekt“, das erst aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Er habe „Blutwurst“ aus ihr gemacht, klagt sie ihn an. Sie hasste das Bild, das er im „Gantenbein“ von ihr gezeichnet und vor aller Welt im Roman ausgestellt hatte. „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht“, bilanziert Max Frisch ihre Liebe in „Montauk“.
Aber es gab ja vor allem diese herrliche, romantische Zeit des gemeinsamen Lebens in Rom. Ihre Liebe füreinander und ihre gemeinsame Liebe zu dieser Stadt. „Mir tut der ganze Körper weh, so arg ist mir’s, nicht in Italien zu sein“ hat Ingeborg Bachmann geschrieben und meinte damit zur Zeit ihrer Liebe, die etwa von 1960 bis 1965 währte, immer auch ihren Max. Es gibt von Ingeborg Bachmann viel mehr Liebeserklärungen an Rom und an Italien, als an Max Frisch oder irgendeinen anderen Mann. Noch kurz vor ihrem Tod 1973, sie erlag Verletzungen, die sie sich beim Brand ihres Zimmers in Rom zugezogen hatte, hatte sie in einem Filmporträt ihre Liebe zur ewigen Stadt ausführlich erklärt: „Warum ich Italien liebe, das hat nicht mit seinen Schönheiten zu tun, sondern, weil ich begriffen habe warum und worum dieses Volk kämpft.“ Um „das Schöne, ein besseres, friedliches Leben.“ In diesem Kampf sah sie sich mit Italien und den Italienern vereint. Vergeblich, heroisch, tapfer: „Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran. Denn wenn ich nicht mehr daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben.“
Es ging, so lange die beiden zusammen waren, immer ineinander über, ihre Liebe füreinander und ihre Liebe zu dieser Stadt. Im Grunde war es eine Dreierbeziehung. Max Frisch hat das im Februar 1961 in einem sehnsüchtigen Brief an die Geliebte, die mal wieder irgendwo in Deutschland auf Lesereise war, so beschrieben: „Ich habe: meine Bewunderung und meine Sehnsucht nach Dir, dazu eine Melancholie, die ich hoffentlich nie aussprechen werde. Und ich habe: Rom, das blauer wird, hinreißend zum Übermut, man sitzt zum Kaffee schon draußen.“ Im Februar. Der Schweizer kann es nicht fassen. Und schwärmt weiter von der herrlichen Stadt, seinem „Rom, meine weiße Flocke, die Castelli, die Spaghetti und neuerdings, dank Rendi, eine Zuppa di pesce, die es mit dem Hafen der Venus aufnimmt. Und ich habe den blauen Übermut, munter zu sein ohne Grund, und ich habe die Angst vor der Prosa. Und ich habe meine Frau, die herrlichste, die ich mir denken kann und die ich nicht habe, eine tapfere die da reist und die da liest und die da spricht mit Leuten. Ich spreche nichts“, schreibt er. Und kündigt freudig, hoffnungsvoll, euphorisch, fragen an: „Wir werden eine große Wohnung nehmen, wenn Du nach Rom kommst. Kommst Du? Ich liebe Dich. Dein Max“
Sie kam. Sie nahmen eine große, gemeinsame Wohnung, in der er, auf den Fotos, die es von ihm von dort gibt, wie ein unpassender Gast aussieht. Es blieb dabei. Es war vor allem ihre Stadt, ihr Leben hier, sie gehörte hierher. Sie liebte es. Frisch trennte sich irgendwann von ihr, von Ingeborg Bachmann und somit auch von ihrer Stadt, er verliebte sich in die sehr junge Marianne Oellers, die er auch in Rom – damals war sie noch die Freundin des deutschen Dramatikers Tankred Dorst – kennengelernt hatte. Und lebte ein neues Leben fern von Rom.
Bachmann blieb. Bis zu ihrem Tod. Kurz bevor es dazu kam, hat sie den Italienern noch voller Dankbarkeit diese Liebeserklärung gemacht: „Gelernt habe ich etwas von den Italienern, das ist schwer zu erklären. Denn man kann von ihnen etwas lernen, wenn man alles wegwirft, jede Vorstellung, die man sich vorher gemacht hat davon. Es sind nicht die Schönheiten, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt.“
Das Leben gelernt, was für ein schönes Lob, was für eine schöne Dankbarkeit für Italien – so kurz vor ihrem tragischen Tod in ihrer Stadt. Sie war so zuversichtlich. Auch das hatte sie wohl von hier, vom Süden, von der Sonne, vom Geist Italiens gelernt. Hoffnungsvoll, beinahe utopisch gestimmt, bis zum Schluss. Auch das hat sie in diesem letzten Gespräch, das sie mit der Journalistin Gerda Haller führte, unsterblich schön gesagt: „Wir werden miteinander frei sein, die Männer und die Frauen. Und wir werden die Güte wieder entdecken und die Liebe wieder entdecken und das wird unsere Freiheit sein.“ Volker Weidermann

