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Der Schwierige, federleicht – Guido Cavalcanti als mittelalterlicher Verläufer von Bob Dylan

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Der Schwierige, federleicht – Guido Cavalcanti als mittelalterlicher Verläufer von Bob Dylan

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Cavalcanti, hier leichtfüßig und sprungbereit, sitzend auf einem Sarkophag, vor dem Baptisterium San Giovanni in Florenz, 13. Jahrhundert, Illustration aus dem Decameron VI.9 von Bocaccio


Then she opened up a book of poems
And handed it to me
Written by an Italian poet
From the Thirteenth century

 And every one of them words rang true
And glowed like burning coal
Pouring off of every page
Like it was written in my soul
From me to you
Tangled up in blue. (Bob Dylan)

Keinem mittelalterlichen Troubadour gingen die Verse leichter von der Hand als dem Florentiner Guido Cavalcanti (um 1255–1300), so leicht zuweilen, daß sich eine Übersetzung erübrigt, wie für diesen Gedichtanfang: Fresca rosa novella, / piacente primavera / per prata e per rivera / gaiamente cantando… In gleicher Nähe zu Tanz und Gesang bezeichnete Guido seine Versdichtungen als ballattette und schickte sie, sich selbst an sie direkt adressierend, auf den Weg oder die Reise zur angebeteten Dame: va’ tu, leggera e piana, / dritt’a la donna mia… In diesem Fall allerdings im traurigen Bewußtsein, als ein aus politischen Gründen aus der Heimatstadt Vertriebener „nie wieder in die Toscana heimzufinden“ – außer als Sterbender, der in der Verbannung an der Malaria erkrankt war.

Zur Legende wurde dieser Poet nicht erst für moderne Nachfahren wie Ezra Pound, oder für James Joyce, der seinen Helden Stephen Dedalus auf dem Morgenspaziergang  über Cavalcantis Melancholie meditieren ließ; oder wie für Italo Calvino, der Guido zum ,„Dichter der Leichtigkeit“ schlechthin erklärte; oder wie für Bob Dylan, der sich ob der schieren Unmöglichkeit erfüllter Liebe mit dem Blues seines mittelalterlichen Vorläufers nahezu ausweglos „in Traurigkeit verstrickt“ wähnt, auch wenn die „Dylanologen“ als Autor jenes geheimnisvoll besungenen „Buchs mit Gedichten eines italienischen Poeten aus dem 13. Jahrhundert“ wohl aus Gründen größerer Prominenz Guidos jüngeren und langlebigeren Freund Dante Alighieri vorziehen.

Dabei erfüllt Cavalcanti bei Weitem mehr als Dante die Rolle des grüblerischen Einzelgängers, notorischen Außenseiters und pessimistischen Existenzialisten avant la lettre. So hatte ihn bereits der jüngere Landsmann Boccaccio in einem zentralen Kapitel des Decamerone (VI.9) verewigt: Auf einem Spaziergang durch die Innenstadt von Florenz, vor dem alten Baptisterium und ursprünglichen duomo der Stadt von einem aggressiven Pulk berittener Patriziersöhne hart bedrängt, schwingt Guido sich leichten Fußes, die Hand auf den schweren Deckel eines von mehreren dort damals noch postierten Marmorsarkophagen gestützt, auf die andere Seite  hinüber, ging wieder aufrecht seines Wegs und ließ die düpierten jungen Stutzer verschämt zurück, nicht ohne ihnen  noch ein paar herbe, in sarkastische Ironie getränkte Worte nachzurufen.

Weil Cavalcanti, wie es auch bei Boccaccio heißt, vermeintlich „epikuräischen“ Ideen anhing – tatsächlich waren es die Lehren des jüdisch-arabischen Philosophen Averroes vom Übergang einer jeden Seele in eine allgemeine Weltseele –, stand er im Ruf der Gottlosigkeit. Deshalb, und weil er jede Kumpanei verachtete, wurde er beim heiligsten Haus der Stadt, dem Leben und Tod gleichermaßen symbolisierenden domus, bedrängt und verhöhnt. Die elegante Antwort, die er seinen Widersachern im Sprung gab – „in euerm Hause, meine Herrn, könnt ihr mir sagen, was euch beliebt“ – musste den Ignoranten von einem etwas Klügeren unter ihnen eigens erklärt werden: Cavalcanti hatte den Spieß umgedreht, hatte in einem Akt der Autonomie alle Dunkelheit und alle Schwere, die seinem Denken und seiner Dichtung gewöhnlich nachgesagt wurden, abgeworfen und sie in Gestalt der „überwundenen“ Särge an jene abgegeben, die ihn bedrängten: Deren „Haus“ sollten die bleischweren Särge sein, in die man ihre leblosen Körper künftig bestatten würde.

Dass der weltgewandte und weitgereiste Dichterphilosoph, als Melancholiker zumal auch um „das Geheimnis der Leichtheit“ (Calvino) wissend, auch ganz anders konnte, zeigt die hier wiedergegebene Pastourelle provençalischen Stils, ganz in dem Sinne, wie bei Boccaccio zu lesen war: „… colui che leggerissimo era prese un salto“ ––  un salto amoroso!

Volker Breidecker

 


 

«In un boschetto trova‘ pasturella»

In un boschetto trova’ pasturella
più che la stella – bella, al mi’ parere.

Cavelli avea biondetti e ricciutelli,
e gli occhi pien’ d’amor, cera rosata;
con sua verghetta pasturav’ agnelli;
[di]scalza, di rugiada era bagnata;
cantava come fosse ’namorata:
er’ adornata – di tutto piacere.

D’amor la saluta’ imantenente
e domandai s’avesse compagnia;
ed ella mi rispose dolzemente
che sola sola per lo bosco gia,
e disse: «Sacci, quando l’augel pia,
allor disïa – ’l me’ cor drudo avere».

Po’ che mi disse di sua condizione
e per lo bosco augelli audìo cantare,
fra me stesso diss’ i’: «Or è stagione
di questa pasturella gio’ pigliare».
Merzé le chiesi sol che di basciare
ed abracciar, – se le fosse ’n volere.

Per man mi prese, d’amorosa voglia,
e disse che donato m’avea ’l core;
menòmmi sott’ una freschetta foglia,
là dov’i’ vidi fior’ d’ogni colore;
e tanto vi sentìo gioia e dolzore,
che ’l die d’amore – mi parea vedere

 

«Im Walde traf ich eine Hirtin an»

Im Walde traf ich eine Hirtin an,
sie schien mir schöner als das Sternenlicht.

Ihr Haar war blondgelockt, ihr Auge lachte,
dem rosa Wachs glich ihre feine Haut;
Die Schafe mit der Rute sie bewachte,
die bloßen Füße waren noch betaut.
Sie sang, als hätt‘ die Liebe sie erschaut,
geschmückt mit allem, was uns Lust verspricht.

Der liebe Gruß erbot ich ihr sogleich
und fragte, ob sie in Gesellschaft hier.
Die Stimme war sehr zärtlich und sehr weich,
als sie zur Antwort gab: „Wenn im Revier
der Vogel zwitschert – ich gesteh‘ es dir –,
verlangt mein Herz den Freund, der es besticht.

Als ich vernommen, wozu sie bereit,
und ich im Wald die Vögel hörte singen,
da sagte ich zu mir: „Jetzt ist die Zeit,
um Lust mit diesem Mädchen zu erringen.“
Ich bat sie um die Gunst vor allen Dingen,
zu küssen sie, mißfalle es ihr nicht.

Da nahm sie mit Verlangen meine Hand
und sprach, sie habe mir ihr Herz verschrieben;
sie führt‘ mich hin, wo frisches Buschwerk stand
und wo in allen Farben Blumen trieben:
Ich bin in Lust und Zauber dort verblieben
und sah dem Liebesgott ins Angesicht.


Guido Cavalcanti, Sämtliche Gedichte / Tutte le rime, Übersetzung von Tobias Eisermann und Wolfdietrich Kopelke, Narr Verlag, 1990.

 

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