Die Malerin Felka Platek (1899-1944) – Fragmente aus dem Leben einer Künstlerin
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Das Leben und Schaffen der Künstlerin Felka Platek bleibt in vielerlei Hinsicht bruchstückhaft. Während ihr Ehemann, der Maler Felix Nussbaum (1904-1944), ein ebenso umfangreiches wie bedeutendes Œuvre hinterließ, zeugt Plateks Nachlass hauptsächlich von Verlusten. Es ist ein Sinnbild für das Leben einer Künstlerin, das geprägt war von den Rollenerwartungen an eine Frau in einer von Männern dominierten Welt, von persönlichen wie politischen Schicksalsschlägen und schließlich von Vernichtung, weil sie Jüdin war.
Geboren wurde Felka Platek am 3. Januar 1899 in Warschau, als Tochter von Leon Platek und Salome Strumfeld. Es ist nur wenig über ihre Herkunft bekannt. Sie wuchs wahrscheinlich in einfachen Verhältnissen auf. Wohl Ende des Ersten Weltkriegs verließ sie Warschau und ging nach Berlin. Gründe für diesen Aufbruch lassen sich nur vermuten: Das künstlerische Klima der deutschen Hauptstadt, das Aufbrechen der tradierten Geschlechterrollen, die Flucht vor den widrigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in ihrer polnischen (damals russischen) Heimat. Fest steht lediglich, dass sie 1924 eine Ausbildung zur Malerin an den privaten Studienateliers der Lewin-Funcke-Schule in Berlin begann. Ihr Lehrer war Ludwig Meidner, dessen expressionistische Malerei in ihrem Werk Spuren hinterließ. Hier begegnete sie auch Felix Nussbaum, mit dem sie die Leidenschaft für die Kunst und fortan ihr Leben teilte.
Abildung 1: Felka Platek, Selbstbildnis vor offenem Fenster, 1940, Gouache, Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück. Foto: Hermann Pentermann
Die frühesten erhaltenen Werke Plateks stammen aus dem Jahr 1927. Wenngleich es keine Hinweise auf eine Beteiligung der Malerin am öffentlichen Kunstgeschehen gibt, ist davon auszugehen, dass sie sehr wohl berufliche Selbstbestimmung und einen eigenen Lebensentwurf anstrebte. Insbesondere ihre Porträts wurden von Zeitzeugen geschätzt. Fritz Steinfeld, ein Freund Nussbaums, lobte Platek als „über den Durchschnitt begabte Porträtistin“, deren Werke ehrliche, lebensnahe Bilder schafften. Steinfeld zufolge stellte sie ihre künstlerischen Fähigkeiten jedoch weit hinter die Nussbaums, der bereits in Berlin frühe Erfolge feierte. Für diesen wiederum war sie offenbar eine wichtige Stütze – nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch als geschätzte Kritikerin und Künstlerin an seiner Seite.
1932 begleitete sie Nussbaum nach Rom, wo er als Studiengast der Villa Massimo gefördert wurde. Diese Zeit war für Platek von einem herben Schicksalsschlag geprägt. Ein Dachstuhlbrand in der Berliner Atelierwohnung des Paares vernichtete nahezu alle Werke der Künstlerin. Ihre Habseligkeiten wurden auf zwei Koffer reduziert. Die Machtübertragung an die Nationalsozialisten führte zu einem abrupten Bruch im Leben des Künstler:innenpaares, das nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte. Ab 1935 begann das Leben im belgischen Exil, geprägt von Unsicherheiten und Sorgen, von immer neuen Ortswechseln und den täglichen Herausforderungen des Emigrant:innen Daseins.
Soweit das heute erhaltene Werk Rückschlüsse zulässt, wandte sie sich im Exil verstärkt Stillleben zu, die das häusliche Umfeld in den Blick nehmen. Diese Hinwendung mag sowohl Ausdruck der Einschränkungen des Exils gewesen sein als auch eine Form des Rückzugs als Künstlerin – während Nussbaum weiterhin versuchte, sich trotz der zunehmend erschwerten Bedingungen im Exil in Brüssel als Künstler zu behaupten. 1937 heirateten sie und bezogen eine feste Bleibe in der Rue Archimède in Brüssel. Nach Kriegsausbruch und unter wachsender existentieller Gefährdung des Paares unter der deutschen Besatzung tauchten sie ab 1942 im Versteck unter.

Abbildung 2: Felka Platek, Stillleben mit Agave, Gießkanne und Zwiebel, 1943, Gouache, Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück. Foto: Hermann Pentermann
Wie vermutlich schon in Berlin schuf Platek weiterhin Auftrags- und Gefälligkeitsporträts, wie das von Frau Etienne, ihrer Nachbarin in der Rue Archimède. Doch selbst vor dem Hintergrund der erschwerten Bedingungen malte sie Werke von beeindruckender Qualität. Ihr „Selbstbildnis vor offenem Fenster“, entstanden um 1940, offenbart mit dem vor der Brust verschränkten Arm und dunklem Kolorit des surreal verschatteten Gesichts ein von Sorgen und Belastungen gezeichnetes Selbst (Abb. 1).
Noch 1943 entstand eine Reihe von Stillleben, die die malerische Begabung Plateks bezeugen, wie das „Stillleben mit Agave, Gießkanne und Zwiebel“ (Abb. 2). Komposition, Kolorit und der weiche, geschwungene Pinselstrich der banalen Objekte sind Zeugnis ihrer Fähigkeit, nüchterne Alltagsgegenstände in ausgewogener Schönheit darzustellen.
Aufgrund der Sorge, in der Archimède entdeckt zu werden, waren die letzten Lebensmonate für das Paar von der Suche nach sicheren Verstecken geprägt.
Spätestens im Juni 1943 fanden sie eine Zeitlang ein Versteck bei der Familie Giboux-Collot in der Rue Général Gratry 23 in Brüssel. Die Familie stand offenbar in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Platek und Nussbaum. Die Mitglieder der Familie ließ Felka Platek in zarten, ausdrucksstarken Porträts lebendig werden. Diese Bildnisse gehören zu den letzten Werken, die Platek vor ihrer Verhaftung im Juni 1944 schuf. Am 21. Juni 1944 wurden Platek und Nussbaum in der Rue Archimède verhaftet, deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet.
Felka Plateks Lebensgeschichte verkörpert eindrücklich die Brüche und Verluste, die das jüdische Leben des 20. Jahrhunderts prägten. Und doch bewahrt ihr fragmentarisch überliefertes Werk die Erinnerung an ein Künstlerinnenleben, das ihren Mut, ihr Selbstbewusstsein und ihr bemerkenswertes künstlerisches Talent aufscheinen lässt.
Anne Sibylle Schwetter


