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Fresken der Sinnlichkeit und Sinnenlust

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Liebe und Heirat gehören vor 1800 nicht zusammen. Im Gegenteil: Kluge Lebenslehrer wie der französische Menschenforscher Michel de Montaigne (1533-1592) raten dringend davon ab. Ihr Hauptargument: Nichts vergeht so schnell wie erotische Anziehungskraft, was dann noch bleibt, ist Langeweile, Widerwille, Abneigung. Die einzig sichere Basis sind gemeinsame Interessen, distanzierte Freundschaft und viel Spielraum für anderweitiges Sich-schadlos-Halten. In der Praxis der europäischen Oberschichten sind diese Tipps immer berücksichtigt worden. Heiraten folgen strikten sozialen Strategien, dafür nur ein Beispiel. Als sich Francesco Guicciardini (1483-1540), in späteren Lebensjahrzehnten der führende Historiker Europas in der Renaissance, zu verehelichen gedenkt, sondiert er erst einmal gründlich den Markt. Welche der übrigen führenden Familien passt politisch zu uns, was bringt uns eine Mitgift ein, wie ist die engere und weitere Verwandtschaft wirtschaftlich und sozial situiert? Dann erst geht es ums konkrete Angebot: welche der in Frage kommenden Töchter der Familie Salviati sorgt am ehesten für legitimen Nachwuchs?
Gerade weil die Realität so grau, so ganz und gar unromantisch war, blieb die Sehnsucht nach der großen Ausnahme, der dauerhaften großen Liebe, immer lebendig. Die griechische Mythologie bot neben zahllosen zerstrittenen und verfeindeten Paaren immerhin einige Beispiele dafür, so das arme alte Ehepaar Philemon und Baucis, das sich in lebenslanger Zuneigung und Treue zugetan ist und von den Göttern für seine Gastfreundschaft nach dem Tod in eine Eiche und in eine Linde verwandelt wird. Das rührte zu Tränen, hatte aber keinerlei Sex-Appeal – ganz im Gegensatz zur Erzählung von Amor und Psyche, die der afrikanische Autor Apuleius aus dem 2. Jahrhundert nach Christus in seiner Novellensammlung «Der goldene Esel» mit vollendeter Fabulierkunst erzählt und die zwischen 1518 und 1530 zwei der führenden Maler Italiens in berückenden Bildern illustriert haben. Zusätzlich bringt die Geschichte das Kunststück fertig, die ganz große Leidenschaft nicht nur mit dem obligatorischen Happy End, sondern auch noch mit dem Motiv eines schwindelerregenden sozialen Aufstiegs zu ungeahnten Höhen zu verbinden.

Die ausführlichste Darstellung dieses antiken Schmachtfetzens hat Giulio Romano für Federico II. Gonzaga, seines Zeichens fünfter Marchese (und schon wenig später erster Herzog) von Mantua in dessen neuerbautem Palazzo del Tè ab 1525 gemalt. Wenn man die wichtigsten Episoden des dramatischen und verwickelten Plots visuell erfassen will, muss man den Kopf lange zur Decke strecken. Dann sieht man, wie die wunderschöne Königstochter Psyche, die standhaft der Liebe abgeschworen hat, gemäß einem Orakelspruch auf einsamer Bergeshöhe ausgesetzt wird, um dort von der schrecklichsten Macht auf Erden, die selbst die Götter fürchten, entführt zu werden. Diese Strafe hat die Liebesgöttin Venus höchstpersönlich ersonnen, um sich dafür zu rächen, dass Psyche ihr nicht huldigt und überdies von immer mehr Menschen statt ihrer als Schönste auf Erden verehrt wird. Doch in der Nacht erscheint auf dem Felsen nicht das gefürchtete grausige Monster, sondern der Windgott Zephyr, der Psyche zum Liebesgott Amor höchstpersönlich bringt. Dieser hatte sich bei einer missglückten Racheaktion im Auftrag seiner Mutter Venus beim Anblick Psyches aus Versehen selbst geritzt und war ihr dadurch in unsterblicher Liebe verfallen. Die beiden feiern in Amors traumhaft schönem Palast wahre Liebesorgien, doch diese glückliche Vereinigung ist noch nicht von Dauer – so schnell geben die dunklen Schicksalsmächte im Auftrag der unversöhnten Venus nicht auf. So stiften Psyches neidische Schwestern Zwietracht, die sich auch unter den Liebenden breitmacht; als alle Anschläge nicht zum Ziel führen, ersinnt Venus, ganz der Urtyp der bösen Schwiegermutter in spe, immer schwierigere Prüfungen, die Psyche wider Erwarten mit Hilfe diverser Kreaturen, darunter ein Heer fleißiger Ameisen, glänzend besteht – um sich danach dem nächsten, noch höheren Hindernis gegenübergestellt zu finden. Am Ende ergreift Amor selbst die Initiative, bittet Jupiter um die Einberufung eines Götter-und-Göttinnen-Gerichts auf dem Olymp und trägt diesem vor, wie unfair, neidisch und eifersüchtig seine Mutter die unschuldige Schöne mit ihrer Missgunst verfolgt. Damit überzeugt er die erlauchte Jury, Psyche wird unter die Unsterblichen erhoben und in einem ausgelassenen Fest mit Amor vermählt; Frucht ihrer glücklichen Ehe ist Hedone, die Lebenslust in all ihren Erscheinungsformen, zu der sich Hedonisten aller Länder bis heute bekennen.
Den krönenden Abschluss der vielen Irrungen und Wirrungen hat Giulio Romano in einem monumentalen Wandfresko auf Augenhöhe des Betrachters verewigt. Darin feiern Nymphen, Faune, Menschen und Götter gemeinsam ein opulentes Hochzeitsmahl; anzügliche Gesten und gierige Blicke zeigen an, dass der eigentliche Höhepunkt in der anschließenden Nacht folgen wird. Die Botschaft des Bildes ist eindeutig: Sexualität hält die Welt am Leben, lustvolle Fortpflanzung ist angesagt, die Natur will es so, und ihr kann niemand widerstehen. Für den Repräsentationsraum eines christlichen Fürsten im Zeitalter der Reformation war das ein ungewöhnlich offenherziges Bekenntnis. Erstaunlicherweise war der sittenstrenge Kaiser Karl V. bei seinem Besuch im Mantua 1530 von der Ausstattung des Palazzo begeistert.
Einige Jahre zuvor hatten Raffael und seine Schüler in der Villa des steinreichen senesischen Bankiers Agostino Chigi am Tiberufer von Trastevere dasselbe Thema, doch im Vergleich mit der eroti-schen Ausgelassenheit in Mantua zurückhaltender, klassischer gemalt. Die beiden Hauptszenen zeigen die Beratung der Götter, nach deren günstigem Votum Psyche einen Becher Nektar trinkt und unsterblich wird, und ebenfalls das Hochzeitsbankett, bei dem es sehr viel sittenstrenger zugeht – Olympier sein verpflichtet zu Anstand und Würde. Bei beiden Bilderzyklen drängt sich der biographische Bezug auf. Chigi hatte von einem Aufenthalt in Venedig eine junge Frau bescheidener Herkunft namens Francesca Ordeaschi mit nach Rom gebracht und diese nach langem Drängen seines wichtigsten Geschäftspartners, Papst Leo X., sogar geheiratet. Zuvor hatte er allerdings vergeblich um eine unehelich geborene Prinzessin von Mantua geworben, was beide Amor-und-Psyche-Zyklen eigentümlich miteinander verbindet. So könnten die Fresken in der Villa Farnesina eine gelassene Selbstverspottung Chigis sein, nach dem Muster: lieber die Schöne in Rom als die Spröde in Mantua. Ob er so viel Humor in eigener Sache hatte, ist allerdings nicht bekannt.
In Mantua liegt der Fall anders. Federico II. Gonzaga hatte auf Anweisung seiner übermächtigen Mutter Isabella d’Este, der großen Kunstkennerin und -sammlerin, Maria Paleologa, die Tochter des Markgrafen von Saluzzo geheiratet, aber diese Ehe nie vollzogen, da er mit einer Liebesbezie-hung zur schönen, aber völlig unstandesgemäßen Isabella Boschetti völlig ausgelastet war. Hier geht die Gleichsetzung Venus gleich Isabella also nahtlos auf. Doch zu einer Auflösung wie auf den Fresken kam es trotzdem nicht. Nach dem Tod Maria Paleologas heiratete Federico nicht seine Geliebte, sondern deren Schwester. Vielleicht hatte Montaigne am Ende doch recht, und es war besser so.

Volker Reinhardt

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