In eigener Sache 2025
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Es ist ein kalter, blaustrahlender Wintermorgen, als ich den nach Jahren der Renovierung wiedereröffneten Vasari-Korridor in Florenz besuche. Ein fast kilometerlanger Spaziergang über Dächer, Türme und Brücken der Stadt, 1565 erbaut in nur fünf Monaten von Giorgio Vasari, Hofkünstler der Medici, um den Arbeitsbereich vom Palazzo Vecchio, durch die Uffizien bis zum Palazzo Pitti, ihrem Zuhause, miteinander zu verbinden. Unten stand das Volk, oben spazierte unantastbar die Macht.
Um zum Korridor zu gelangen, kämpfe ich mich durch die Menschenmassen in den Uffizien: Familien mit Kindern, Großeltern, Cousinen, Tanten, Schulklassen aus aller Welt, Gruppen mit Wimpeln, Fotohelden, die sich vor Gemälden verewigen wollten, ich höre Stimmen und Kommentare, alle unterschiedlich und doch so gleich.
Endlich erreiche ich die Säle 10-14, wo Sandro Botticelli zu bewundern ist. Seine „Geburt der Venus“ wirkt kleiner und anmutiger als in den zahlreichen Reproduktionen. Vor dem Bild kommen Tumult und Gedränge plötzlich zur Ruhe. Die europäische Kunst kennt kein brillanteres Werk als dieses.
Nach den vielen keuschen Madonnen mit Kind, die bis dahin die Malerei prägten, kam 1480 eine Frau aus dem Meer, nur in Gold- und Elfenbeinfarben bekleidet, mit Natürlichkeit Liebe und Grazie bekundend.
Dieser Göttin stehe ich gegenüber, tatsächlich ist es das Portrait von Simonetta Vespucci, in die ganz Florenz verliebt war: sie scheint jeden Moment aus der Muschel steigen zu wollen, um den Boden zu betreten, von einem zarten Mantel aus Grass bedeckt, im Glanze der Erinnerung und der Sehnsucht.
Alles ist so puristisch dargestellt, in Form und Farbe perfekt, dass ich fast das Brechen der Wellen zu hören meine, das Brausen des Windes, der ihr schweres, blondes Haar zerzaust.
In meiner Betrachtung verliere ich mich in einer Erinnerung. In den 80er Jahren schmückte der Maler Bruno Bruni einen Weißwein von Nittardi mit dem Namen „Biondo“. Das Etikett zeigte die Venus von Botticelli, herrlich von ihm neu-interpretiert. Mit einigen Flaschen im Koffer flog ich zu einer wichtigen Weinmesse nach New York.
Wenige Stunde vor Messebeginn erhielt ich einen Anruf vom Veranstalter: der Wein könne unter keinen Umständen mit diesem Etikett präsentiert werden. Ich verteidigte das Werk vehement. Die künstlerische Freiheit, Florenz, die Renaissance, Botticelli, die Schönheit. Aber die Amerikaner wollten nichts davon wissen (‚Botticelli who?‘).
Nach einer Ewigkeit und wohl von meinem Widerstand genervt, wollte man mir doch entgegenkommen und schlug vor, die ‚Nacktheit‘ der Venus mit einem Bikini zu bedecken. Da verstand ich, dass es nichts helfen würde, weiter zu argumentieren.
Ich präsentierte die Flaschen ‚nackt‘, nur per Hand beschriftet mit den essenziellen Daten des Weines aus Trebbiano und Malvasia Trauben. Doch die abgezogenen Etiketten lagen lose auf dem Tisch daneben. Der Wein kam gut an, aber die Etiketten noch besser. Als ich nach einer kurzen Pause zu meinem Tisch zurückkehrte, waren sie alle weg, anonyme Kunstliebhaber haben sie eines nach dem anderen mitgenommen. Die Schönheit war weder auf mich oder sonst eine Verteidigung angewiesen, es reichte, dass sie da war, um sich in den Augen und in den Herzen der Menschen durchzusetzen, so wie hier in Florenz.
Stefania Canali


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