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Italien zu Gast bei der Buchmesse Frankfurt: Ein Fest der Vergangenheit

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Italien zu Gast bei der Buchmesse Frankfurt: Ein Fest der Vergangenheit

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Heinrich Ramberg, Der Golf von Neapel, Fischer beim Mittagessen, 1804, Wasserfarbe

Als ich im vergangenen Oktober nach einem zweitägigen Besuch von der Frankfurter Buchmesse zurückkam, hatte ich einen Rucksack voller Bücher zu schleppen. Als Gast des Jahres hatte sich Italien präsentiert, mit allen Imponderabilien und Querelen, die heute leider üblich geworden sind. Kein Land der Welt kann sich heute mehr „naiv“ oder gar „unschuldig“ vorstellen. „Verwurzelt in der Zukunft“ hieß das eigentümliche Motto, und nur ein Schelm konnte denken, dass diese Perspektive irgendetwas zu tun haben könnte mit der Aussicht, die sich die Ministerpräsidentin für ihre eigene Regierungszeit vorstellt. Im Moment sieht Zukunft jedenfalls so aus, als würde da Außer dem Bösen nicht viel wachsen. Die Idee, dass Schriftsteller und Schriftstellerinnen in der Zukunft verwurzelt sein könnten, ist aber besonders abenteuerlich ,wenn man bedenkt, dass die „Laufzeiten“ eines Romans oder eines Gedichtbandes immer kürzer werden – die meisten Bücher sind schon nach ein paar Monaten wieder verschwunden. Andererseits sind solche Großereignisse wie die Frankfurter Buchmesse dazu da, nicht nur die Gegenwart zu präsentieren, sondern den kulturellen Boden zu bereiten, in dem Literatur und Kultur überhaupt noch wurzeln können. Denn neben all den idealistischen Diagnosen und Prognosen, die bei solchen Anlässen üblich sind, waren es ja gerade die vielen außerordentlichen interessanten, an- und aufregenden Bücher, die Italien im Gepäck hatte, die Anlass für einen zarten Optimismus boten.

Vor 36 Jahren war Italien schon einmal Gastland, und damals bin ich als Verleger mit schwerem Gepäck nach Frankfurt gefahren: mit Büchern von Claudio Magris und Italo Calvino, von Umberto Eco, Anna Maria Ortese und Daniele Del Giudice und vielen anderen – es wurde, auch dank der italienischen Kollegen von Giulio Einaudi, Inge Feltrinelli, Roberto Calasso und vielen anderen, ein großes Fest. In den vergangenen Jahren hat sich Europa radikal gewandelt: vom Ende des Eisernen Vorhangs bis zur Europäischen Einigung, vom Erstarken rechtspolitischer Tendenzen in fast allen Ländern Europas bis zur Frage, wie viele Flüchtlinge Europa aufzunehmen bereit ist, von der Problematik der klimatischen Bedingungen bis zur voranschreitenden Neu-Ordnung der Welt – es fällt mir immer schwerer, mir die Zukunft überhaupt auszudenken. In solchen Zeiten fällt es schwer, Feste im Namen der Zukunft zu feiern.

Da tut es gut, wenn man ein bisschen Vergangenheit im Rucksack hat. Vier Bücher habe ich aus Frankfurt mitgenommen, alle fabelhaft geschrieben und voller Überraschungen, und alle beschäftigen sich auf ganz verschiedene Art und Weise mit Vergangenheit oder mit Vergangenheiten.

Da ist zunächst der erste Band des „Zibaldone“ von Giacomo Leopardi. Dieses gewaltige Buch des Melancholikers aus Recanati, der mit nicht einmal vierzig Jahren 1837 in Neapel starb, ist eines der folgenreichsten Werke aus der Frühzeit des 19.Jahrhunderts,dessen Wirkung auch auf die deutsche Philosophie außerordentlich war. Von Schopenhauer über Nietzsche bis zu Wilhelm Dilthey und Walter Benjamin zieht sich die Spur. Für Nietzsche waren Goethe und Leopardi „die letzten Nachzügler der italienischen Renaissance-Poeten“, weshalb es seltsam anmutet, dass außer zahlreichen Auswahlausgaben nie eine Gesamtausgabe erhältlich war, denn Leopardi war für ihn „der größte Stilist des Jahrhunderts“. Der deutsche Dirigent und Freund Wagners, Hans von Bülow, schrieb einst an Nietzsche: “Schopenhauers großer romantischer Bruder Leopardi harrt noch immer vergeblich seiner Einführung bei unserer Nation.“ Während wir bisher nur Petrarca und Dante ausführlich gefeiert haben, sollten wir anlässlich der neuen Edition der Forschungsstelle Leopardi an der Uni Potsdam nun auch den „armen, kränklichen, buckligen“ Dichter Leopardi in den deutsch-italienischen Parnass aufnehmen, der nach den Worten von Benedetto Croce „una vita strozzata“,ein abgewürgtes Leben geführt hat.

Das Denkmal an Giacomo Leopardi auf der Piazza Leopardi in Recanati, Foto Alessandro Vecchi

Das zweite italienische Buch,das ich in Frankfurt erworben habe, ist der Roman „Unten auf der Piazza ist niemand“ („Giù la piazza, non c‘è nessuno“) von Dolores Prato, das Anna Leube übersetzt und Esther Kinsky mit einem Nachwort versehen hat: ein gewaltiges Buch mit einer traurigen Geschichte. Die Autorin, uneheliches Kind einer Witwe aus den Marken, zwei Jahre vor Ende des 19.Jahrhunderts geboren, die bei Verwandten in Treja aufgewachsen und in einem Kloster bei den Salesianern erzogen worden ist, hat ihre Kindheit beschrieben, die Kindheit eines nicht geliebten Mädchens: noch eine „vita strozzata“,aber was für eine! Es gibt kein soziologisches Werk und keine Alltagsgeschichte Italiens, in denen so präzise wie in diesem Buch das „arme“ Leben um die Jahrhundertwende beschrieben wird. In einem weit gefächerten Kaleidoskop werden alle Details der harten, von Lieblosigkeit geprägten Jugend festgehalten, eine Geschichte der Kindheit, wie ich sie so detailliert auch nicht in der deutschen Literatur kenne. Und wie schön das Buch von Anna Leube übersetzt ist! Und was für eine Publikationsgeschichte: Die erste Ausgabe war 1977 bei Einaudi erschienen, lektoriert und für den Leser „angepasst“ von der von mir so verehrten Schriftstellerin und Lektorin Natalia Ginzburg, die sich nicht getraut hat, das Original dem Leser zuzumuten. Erst 1997 ist postum die „Originalausgabe“ dieses Wunderwerks veröffentlich worden – übrigens von einem Herausgeber, der wiederum eng mit der deutschen Literatur in Italien verbandelt war: Giorgio Zampa. Er war der Übersetzer von Rilke, Kafka,Musil und Thomas Mann (mit dem er korrespondiert hat) und Herausgeber der Gedichte von Eugenio Montale.

Das dritte Buch, das mir auf der italienischen Präsentation in Frankfurt aufgefallen war und das ich noch im Hotel mit Begeisterung gelesen habe: Maike Albaths Buch über Neapel: “Bitteres Blau“. Maike hat schon Bücher über den „Geist Turins“ (Pavese, Ginzburg, Vittorini, Calvino und Einaudi), über Sizilien (Lampedusa, Sciascia und Camilleri) und natürlich Rom (Gadda, Elsa Morante, Moravia, Flaiano und die andern bis Pasolini) geschrieben. Jetzt also ein langer Spaziergang durch die schönste Stadt der Welt, in der sie auf die Schatten von Benedetto Croce (dem Briefpartner Thomas Manns) und Anna Maria Ortese, Elena Ferrante und den geheimnisvollen Curt Erich Suckert trifft, der als Curzio Malaparte Weltruhm erlangte.

Für Goethe war Neapel das Paradies, in dem er sich „als ein ganz anderer Mensch“ fühlte; für den in Neapel geborenen Autor Roberto Saviano wurde es zur Hölle, nachdem er sich mit der dortigen Mafia angelegt hatte, sein letztes Buch „Falcone“ ist auch unbedingt lesenswert.

Alle drei Bücher haben, wie ich zeigen wollte, auf direkte oder verwickelte Weise auch mit Deutschland zu tun (die Tochter des großen liberalen Philosophen, Ästhetikers und bekennenden Europäers Benedetto Croce, Elena, die übrigens den schwierigen „Siebenkäs“ von Jean Paul übersetzt hat, habe ich noch persönlich gekannt). Alle drei Bücher sind Zeugnisse der seit Goethe engen Verbindungen zwischen der italienischen und der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte, die trotz aller politischen Erdbeben immer bestanden hat und hoffentlich allen zukünftigen Belastungen widersteht.

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