Mascha Kaléko 1930 auf Hiddensee, Deutsches Literaturarchiv Marbach.Mascha Kaléko war erschöpft von den Triumphen, überrascht von all der Liebe und ließ ihr europäisches Wunderjahr zunächst in der Schweiz ausklingen, im Herbst fuhr sie nach Locarno, traf dort auf alte deutsche Emigranten wie Erich Maria Remarque. Aber die Schweiz war ihr auf Dauer zu öde zu ereignisarm. Und so beschloss sie, ihre große Reise ins Dazumal im Süden abzuschließen, in Rom. 23 Jahre, so schreibt sie an ihren Mann Chemjo Vinaver in New York, habe sie diese Reise nach Rom geplant, 24 Jahre lang habe sie von Rom geträumt. Jetzt endlich soll es Wirklichkeit werden.
Die Reise Richtung Süden hatte herrlich begonnen. Ein befreundetes Liebespaar – eine Journalistin und ein Kunsthändler – hatte ihr in Ascona eine wundervolle Abschiedsparty mit Dinner im besten Restaurant der Stadt gegeben – und Mascha, die notorisch in Geldnot wie hungrig und genussfreudig war, hatte die Schweiz selig in Richtung Italien verlassen. Ihre Freunde nahmen sie in ihrem Auto mit, zum Schloss Duino, wo Rainer Maria Rilke 1912 seine Duineser Elegien begonnen hatte. Der Kunsthändler hatte dem Schlossherrn, dem Grafen von Thurn & Taxis eine Madonna abzuliefern. So ging es mit Mascha und Madonna im Auto in Richtung Triest, Duino und schließlich über Mailand bis nach Rom. Endlich. Ihr Rom.
Allein – nach dem ersten Tag wäre sie gern schon wieder abgereist. Es war kalt in Rom, sie kannte keinen Menschen, fand kein bezahlbares Hotel, sprach kein Wort italienisch und hatte nicht einmal ein Buch dabei. „Rom sei sicher himmlisch, wenn man sich keine Sorgen um Geld machen müsse.“ Sie jedoch musste sich wahrlich Sorgen machen. Es war doch gerade erst der erste Tag des so lange erträumten italienischen Winters. Von Rom aus sollte es weiter nach Sizilien, dann nach Capri gehen. In die Sonne. Die sie in ihrem gleichnamigen Gedicht so schön besungen hatte:
„Sonne Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort. –
Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle,
Das trug wie eine Welle mich hinfort.
Und Licht ergoss sich über jede Stelle,
Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. –
Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Nun schließ ich sie so bald nicht wieder zu.“
Alles schon vorbei? Ihr Italien – zu kalt, zu teuer, zu einsam, zu bewölkt? „Aber ich nehme mir vor, nicht zu verzweifeln“, schreibt sie an Chemjo. Und wie beinahe immer bei Mascha Kaléko – was sie sich fest vornimmt und schriftlich vorwegnimmt – das kommt dann auch ungefähr so. Rom jedenfalls zeigt sich schon am nächsten Tag von seiner besten Seite. Eine bezahlbare Unterkunft am Park der Villa Borghese hat sie gefunden, sie läuft durch die Straßen Roms und kommt aus dem Staunen über die Monumentalität und die Schönheit nicht hinaus. Sie liebt die Sonne, die Kinder, den Verkehr, die freundliche Aufgeregtheit der Menschen, liebt das Essen, den Wein, listet alle Preise sorgfältig in ihren Briefen auf und erkundigt sich bei Chemjo, ob sie vielleicht zu großzügig mit sich selbst sei. „Bist du entsetzt?“ fragt sie ihn.
„Anzusehen ist diese Altstadt herrlich und man kann wohl Jahre hier leben, ohne alles gesehen zu haben oder des Herumflanierens müde zu werden.“ Sie schwärmt und schwärmt – „es ist eine phantastische Stadt“ und „das Essen hier ist herrlich wenn man in die guten Restaurants geht, und sobald Geld ankommt, geh ich auch mal, inzwischen futtere ich so herum in einer Art San Remo Spaghetti-Trattoria.“ Zwei Personengruppen liebt sie besonders: die Polizisten und die Kinder. Im Angesicht der humorvollen, die Regeln entspannt auslegenden Beamten erscheinen ihr die Polizisten des Nordens im Rückblick noch unangenehmer: „Die deutsche Brutalität geht mir erst jetzt auf, im Vergleich zu den Polizisten Roms.“ Als Mascha Kaléko einmal unbedacht auf die Straße trat und beinahe von einem Wagen überrollt worden wäre, meinte ein Polizeibeamter lächelnd zu ihr: „Da hat Dich aber der Himmel bewahrt, Signora!“ Wie genau sie den schönen Satz sich – bei völlig fehlenden Italienisch-Kenntnissen – übersetzt hat, wissen wir nicht. Aber die Emigrantin aus New York hat ein starkes Sprachgefühl. Sie wird den sonnigen Beamten schon richtig verstanden haben.
Noch lieber als die Polizisten von Rom mag sie die Kinder der Stadt: „Wie gut es die Kinder Roms haben. Da spielen sie im Sonnenschein neben tausendjährigen Kunstwerken, werden von einem Eselswägelchen durch die Alleen gefahren“. Die Eltern laufen plaudernd hinterher, „während die Kinder jubeln oder etwas ängstlich in die Welt gucken.“ Was die Ostjüdin Mascha Kaléko im Angesicht dieser Kinder und des Glücks der Eltern mit diesen erblickt, ist Heimat. Eine traurig-freudige Erinnerung: „Die Kinder werden verwöhnt in ganz altmodischer Art: nicht unsere Art, sie erwachsen (oder wie kleine Erwachsene) zu behandeln, sondern so wie man bei Ostjuden die Kinder behandelte wenn sie ganz klein waren, ‚Mein Putsele, mein Schnuckele‘ und küsst und spielt mit ihnen – und es scheint ihnen besser zu bekommen wie alle moderne Erziehung.“
Und so hätte in diesen Tagen in Rom ein sorgloser Herbst und Winter für Mascha Kaléko beginnen können. Etwas Wärme, etwas stolzes, ungläubiges Zurückdenken an dieses traumhafte Jahr in die eigene Vergangenheit zurück, verbunden neuer Kraft für dieses nun beginnende, neue Leben. Doch ihre Liebesgeschichte mit Italien endet jäh. Nach kaum einer Woche in Rom erreicht sie die Nachricht, dass ihr Vater gestorben sei. Ihr geliebter Vater, der zusammen mit seiner Frau und den zwei jüngsten Geschwistern Maschas kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Palästina geflohen war. Sie weiß – eigentlich müsste sie zu ihrer trauernden Mutter nach Israel. Die Verzweifelte droht, sich das Leben zu nehmen. Mascha müsste bei ihr sein, bei ihren Geschwistern. Aber sie kann nicht. Panik, Verzweiflung, Einsamkeit. Sie, die gehofft hatte, in Europa wieder heimisch werden zu können, muss feststellen, dass Heimat für sie nirgendwo mehr ist. Und wenn es einen Ort für sie noch gibt, an den sie zurückkehren kann, wo sie sich geborgen fühlt, dann ist das New York, wo ihr Chemjo und ihr Sohn Steven sind. New York. „Ich muss schleunigst heim zu Dir und Steven“, schreibt sie ihrem Mann. „Ich habe eine Art Panik. Ich komme heim.“ Sie lässt zwei Koffer in Europa und fährt über den Atlantik zurück, mit leichtem Gepäck. Italien war ihr ein kurzer Traum. Heimaten hat sie viele gehabt und wird noch weitere haben. Aber keine wird ihr Halt geben, in keiner wird sie Wurzeln schlagen. Chrzanów, Frankfurt, Marburg, Berlin, New York, am Ende noch Jerusalem und Zürich. Ein Leben auf der Flucht. Jetzt wieder auf dem Atlantik, allein. Das Totengebet, das sie auf ihren Vater dichtete, endet so:
„Viel Küsten dein Schiff umkreiste,
Du warst in der Menge allein.
Ein Wort hie und da. Doch das meiste
Schwiegst du in dich hinein.
Nun schläfst du in Kanaans Erde.
…Das hättest du erreicht:
Der Himmel und zwei Fußbreit Erde.
O, werde sie dir leicht.“
Am Trevi-Brunnen hatte sie, wie alle Touristen vor und nach ihr, Münzen hineingeworfen, in der stillen Hoffnung, eines Tages zurückzukehren, mit Chemjo, mit Steven. „Ob ich nach Rom wiederkehre, weiß ich nicht“, schrieb sie daraufhin gleich nach New York. Sie, die so wild entschlossen an Zauber und Wunder aller Art zu glauben bereit war, begegnete der Trevi-Magie eher skeptisch. Und sie hatte Recht. Mascha Kaléko hat Italien nicht wiedergesehen. Es blieb – ein sonniger, heimatlicher, kindlicher Traum für ein paar Tage im Herbst des magischen Jahres 1956.
Volker Weidermann