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Über die Schönheit der italienischen Sprache

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Als der Protagonist von Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von einem Hoteldirektor befragt wird, ob er Italienisch könne, lässt ihn Thomas Mann direkt auf Italienisch, nicht auf Deutsch, antworten: «Ma Signore, che cosa mi domanda? Son veramente innamorato di questa bellissima lingua, la più bella del mondo. …Per me non c’è dubbio che gli angeli nel cielo parlano italiano.» (Aber mein Herr, was fragen Sie mich da? Ich liebe diese wunderbare Sprache, die schönste der Welt. … Es besteht kein Zweifel, dass die Engel im Himmel Italienisch sprechen.)

Eine solche Aussage ist einem Künstler wie Mann erlaubt, nicht aber einem Sprachwissenschaftler, der weiß, dass Sprachen an sich weder schön noch hässlich sind: sie sind und basta. Allerdings ist nicht zu leugnen, dass schon immer in intellektuellen Kreisen aller Welt eine Assoziation besteht zwischen Italienisch und Schönheit.

Mindestens seit der Renaissance, wie schon vom großen deutschen Italianisten Harro Stammerjohann belegt, haben Ausländer das Italienisch schon als «harmonisch, zart, süß, elegant, flüssig, edel, angenehm, graziös, eben, melodisch, genussvoll, verführerisch» bezeichnet. Um zeitgenössischere Beispiele aus der Literatur zu nennen, auch wenn nicht in der Qualität eines Thomas Manns, ist der kolossale Erfolg des Bestsellers „Eat, Pray, Love“ von Elizabeth Gilbert beachtlich. Viele werden ihn in der Verfilmung mit Julia Roberts in der Hauptrolle gesehen haben. Über ihren italienischen Kurs in Rom sagt sie: «Das Interessante an meiner Klasse ist, dass keiner es wirklich nötig hat hier zu sein. Wir sind zu zwölft, unterschiedlichen Alters, kommen aus den verschiedensten Ecken der Welt, aber jeder von uns ist mit dem gleichen Wunsch nach Rom gekommen – italienisch der puren Freude wegen zu lernen. Niemand von uns befindet sich aus praktischen Gründen hier. Niemand hat einen Arbeitgeber, der gesagt hat: „du musst italienisch lernen, denn wir haben vor ins Ausland zu expandieren“. Alle, sogar der dünkelhafte deutsche Ingenieur, halten es so: wir wollen italienisch lernen, um das Gefühl zu genießen, das uns diese Sprache gibt. Eine traurig dreinschauende Russin sagt, dass sie sich die italienischen Stunden geschenkt hat, weil sie meinte „etwas Schönes verdient zu haben“».

Das “Schöne” des Italienischen versteckt sich nicht in irgendeiner geheimnisvollen Eigenschaft, sondern steht im Direkten Bezug zur Geschichte: Jene Sprache zu sein, die eine große, außergewöhnliche Kultur übermittelt hat. Einer der ältesten Grundpfeiler der italienischen Literatur ist der Sonnengesang des Franz von Assisi aus dem Jahre 1224. Einer der ersten Verse lautet: „Laudato si‘, mi‘ Signore, cum tucte le tue creature” (= „Sei gelobt, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen“).
Der Sonnengesang ist nicht einfach nur ein poetischer Text mit religiösem Thema, wie schon viele andere, die ihm vorausgehen, sondern ein wahres Gebet in Versen: ein Lobgesang auf Gott für die Schönheit und Nützlichkeit seiner Geschöpfe, sowie für das Leiden, die Krankheit und den Tod, ebenfalls Ausdruck und Beweis seiner Liebe. Die Sonne, die Sterne, das Feuer sind Werke Gottes, die der Heilige Franziskus immer mit dem gleichen Adjektiv beschreibt: schön.
Fast achthundert Jahre später hat der Papst, der gewählt hat den gleichen Namen anzunehmen, eine Enzyklika erlassen, deren Titel die beiden Wörter enthält, mit denen das Gedichtgebet des Heiligen beginnt: Laudato si‘.

Diese Enzyklika wurde offiziell von der römischen Kirche für die Welt, nicht in lateinischer Sprache, wie es fast immer bei den rund 300 Enzykliken der Päpste von 1740 bis heute der Fall war, sondern in italienischer Sprache herausgegeben. In ihr kommt das Wort Schönheit deutlich häufiger vor als in allen vorherigen Enzykliken, ganze 29 Mal. Könnte es ein Zufall sein? Ich persönlich glaube nicht; so wie ich es für keinen Zufall halte, dass Pietro Bembo (1470-1547), Autor der wichtigsten italienischen Grammatik aller Zeiten, auch ein großer Freund von Raffaello Sanzio, Meister der Renaissance, war. Ein Freund bis zum Punkt sein Epitaph zu schreiben, was auf seinem Grab im prächtigen Pantheon von Rom gemeißelt ist. Aus dem Lateinischen übersetzt steht da: „Ille hic est Raffael timuit quo sospite vinci rerum magra parens et moriente mori.“ (Hier ruht Raffael, von dem die Natur zu seinen Lebzeiten fürchtete, von ihm übertroffen zu werden. Nun, da er gestorben ist, befürchtet die Natur, zu sterben.)

Keine Sprache ist schöner als eine Andere. Doch sicher verlockt das Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben und Lernen der Sprache von Dante in Orte und Zeiten voller Kunst und Geschichte einzutauchen: Wahrscheinlich ist dies der Grund, weshalb die italienische Sprache in den Augen und Ohren vieler (wenn nicht sogar aller) für schöner als andere Sprachen gehalten wird.

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