Type to search

Von der Schneeballschlacht zur Traubenlese: Die faszinierenden Fresken von Trento

Artikel

Von der Schneeballschlacht zur Traubenlese: Die faszinierenden Fresken von Trento

Share

Trient ist die Hauptstadt des Trentino im Etschtal, das seit jeher eine wichtige Verbindungsroute für Handel und Reiseverkehr zwischen Mitteleuropa und Italien bildet. Jahrhundertelang war die Stadt Sitz mächtiger Fürstbischöfe. Noch heute verbindet man ihren Namen mit dem grossen Konzil von 1545 bis 1563, dem Ausgangspunkt der Gegenreformation. Bis 1803 blieb die Macht bei den Bischöfen.1814 wurde das Gebiet Teil des Kaiserreichs Österreich, später Österreich-Ungarns. Am Ende des Ersten Weltkrieges ging die Region an Italien über. Nach wie vor blieb Trento am Puls der Zeit, wovon die Verlegung der Etsch oder der Bau der Brennerbahn ebenso zeugen wie die1962 gegründete renommierte Universität und das von Renzo Piano entworfene Museum der Wissenschaften mit Hightech-Ausstellungen. Tradition und Innovation verbinden sich hier auf exemplarische Weise.

von links nach rechts: Die Monate Januar, Juli und Oktober aus dem Ciclo dei Mesi im Torre Aquila in Trient

Trient mit seinen geschichtsträchtigen Bauten, dem imposanten Dom im romanisch-lombardischen Stil, den Palazzi, deren Fresken von der Vergangenheit der Stadt erzählen, und den engen verschlungenen Gässchen hat auch Albrecht Dürer auf seiner Italienreise in den Bann gezogen. So hat er den Panoramablick auf Trient und das bedeutendste Kunstdenkmal der Region, das Castello del Buonconsiglio, in Aquarellen festgehalten. Die Burg entstand in der Zeit um 1250. Sie diente ursprünglich Verteidigungszwecken. Erweiterungen und Umbauten erfolgten um 1400 und in den 1480er Jahren, so der Adlerturm mit seinen eindrücklichen Fresken und ein Innenhof mit venezianischer Loggia, ein für den Burgenbau völlig ungewöhnliches architektonisches Element. Von 1528 bis 1536 wurde das Schlossareal mit dem Magno Palazzo, einem eleganten, schon von den Zeitgenossen bewunderten Renaissancepalast, erweitert. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand eine Verbindung zwischen dem alten Castello und diesem attraktiven Neubau. Damit war die Anlage so, wie man sie heute sieht, abgeschlossen.

Der Adlerturm, die Torre Aquila am Ostende der Anlage, war ursprünglich eines der Stadttore. Fürstbischof Georg von Liechtenstein, Glied einer mährischen Adelsfamilie, liess ihn Ende des 14. Jahrhunderts restaurieren, aufstocken und zur Aufnahme seiner privaten Gemächer umgestalten. Er gab auch die Monatsbilder im Hauptsaal in Auftrag, die mit Ausnahme des einem Treppeneinbau zum Opfer gefallenen März vollständig erhalten geblieben sind. Es handelt sich bei diesen teppichartig die Wände schmückenden Fresken um hochrechteckige Landschaften mit Figurengruppen in Aussenräumen und architektonischen Elementen. Mit Bändern umwundene kleine Säulen trennen die einzelnen Monatsbilder. Jedes Fresko ist bekrönt von einer Sonne mit dem Namen des dem Monat zugehörigen Tierkreiszeichens, der Monatsname steht jeweils am unteren Bildrand. Der Zyklus lässt an durchgehende Landschaftsdarstellungen denken, obwohl ein Kontinuum fehlt. Nur die Monate November und Dezember sind durch eine über beide Bildflächen sich erstreckende ummauerte Stadt räumlich verbunden.

Die Malereien zeigen in den erhaltenen elf Bildern im Wandel der Jahreszeiten Tätigkeiten in der Landwirtschaft oder beim Fischfang und parallel dazu die Vergnügungen der Adeligen. Die vornehme Gesellschaft trägt prächtige bunte Gewänder, während die Bauern und Bäuerinnen einfach und praktisch gekleidet sind. Die bäuerlichen Arbeiten und das Handwerk werden sehr präzise dargestellt, wie aus dem Vergleich mit schriftlichen Quellen ersichtlich ist. So erweist sich die Bilderfolge über ihren künstlerischen Rang hinaus auch als wertvolles Zeugnis zum Alltagsleben um 1400 im Trentino.

Der Zyklus beginnt an der Ostwand mit dem Januar. Da vergnügt sich eine Gruppe von Adligen mit einer Schneeballschlacht – ein originelles Motiv. Beim Gebäude dahinter handelt es sich um die bischöfliche Burg in Stenico. Auf dem Februar-Bild sehen wir ein Ritterturnier, zu dem sich die Damen auf einer Zuschauertribüne versammelt haben. Rechts neben dem Fenster arbeitet derweil ein Schmied in seiner Werkstatt. Im April beginnen die ersten Feldarbeiten: Pflügen, Eggen, Säen. Auch wird der Kräutergarten bestellt, bevor dann im Wonnemonat Mai höfische Liebespaare sich auf blumiger Wiese vergnügen und bei einer Quelle an einem runden Tisch tafeln. Das Juni-Bild ist im oberen Teil dem Melken der Kühe und der Herstellung von Käse gewidmet, während im Vordergrund höfische Paare mit Musikanten durch die Gegend wandeln. Das Mähen der Wiesen, Fischfang und Vogelstellerei sind die ländlichen Arbeiten im Juli. Im August folgen die Kornernte und der Transport des Getreides in die Scheune. Während die Bauern im September wiederum mit Feldarbeiten beschäftigt sind, vergnügt sich der Adel bei der Falkenjagd. Als erzählerisch von oben nach unten fliessende Einheit präsentiert sich das Oktober-Bild mit der Traubenlese in den Weinbergen, dem Transport in die Kelter, der Kostprobe und dem Stampfen der Trauben. Am Rande dieser präzisen Schilderung versuchen vornehme Damen eher unbeholfen den Winzern bei ihrer Arbeit zuzudienen. Die Weinproduktion im Trentino, wo rund zwanzig Sorten Wein kultiviert werden, geht bis in die Antike zurück. Eine Spezialität ist der rote Marzemino. Mozart, der diese Region von seinen Reisen kannte, hat ihm in seiner Oper «Don Giovanni» ein Denkmal gesetzt hat: «Versa il vino. Eccellente marzimino» (sic!), «Schenk den Wein ein! Exzellenter Marzimino», befiehlt der Titelheld dem Diener Leporello während seiner letzten Mahlzeit.

Im November schliesslich steht der Winter vor der Tür. Die Schweinezüchter bringen das Vieh in die Stadt. In den Höhen werden Bären gejagt. Den Dezember schliesslich versinnbildlicht das Fällen von Bäumen, deren Holz auf Wagen in die Stadt gefahren wird. Ob hier Trient gemeint ist und mit der Burg mit dem hohen runden Turm das Kastell Buonconsiglio, kann nur vermutet werden.

Über den Maler der Fresken von Buonconsglio ist schon viel gerätselt worden. Es muss sich um einen fahrenden Vertreter der Künstlergeneration der «Internationalen Gotik» handeln. Das Paradebeispiel eines solchen Malers war auf höchstem Niveau Pisanello, der aus Pisa stammte, in Mantua, Venedig, Rom, Ferrara, Rimini, Mailand und Neapel tätig war und seine Laufbahn als «Pisanello da Verona» beschloss. Der Meister von Trient liess sich bis jetzt nicht identifizieren. Ob der Gemäldezyklus dem böhmischen Maler Wenceslaus zugeschrieben werden kann, wie dies neuerdings postuliert wird, ist sehr fraglich.

Der Auftrag für die Torre Aquila war für das Trentino von großer Bedeutung, da mehrere Adelsfamilien der Region dazu angeregt wurden, nach diesem Vorbild weltliche Zyklen für ihre Residenzen in Auftrag zu geben, etwa in den Schlössern Runkelstein, Leuchtenburg und Wendelstein.   Franz Zelger

Tags:

Kommentar verfassen

Your email address will not be published. Required fields are marked *