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„… zitternd vor bunter Seligkeit“. Nietzsche in Venedig

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Venedig sei „der einzige Ort auf Erden“, den er liebe, betonte Nietzsche bis zuletzt immer wieder. Dabei suchte er in dieser Stadt nicht das, was andere Venedig-Reisende wie Goethe, Byron, George Sand, Turner, Ruskin oder Wagner dort gesucht haben. Nietzsche will „Venedig daraufhin ansehn, ob [er] dort längere Zeit leben könnte“. Für ihn ist die Stadt in erster Linie ein Experiment in medizinischer Sicht. Er ist 34 Jahre alt und muss seine Basler Professur aufgeben. Wütende Anfälle von Kopfschmerz fesseln ihn oft tagelang ans Bett, sein Leben sei eine einzige „Thierquälerei und Vorhölle“. Er sucht nach einem Ort, an dem dieses Leiden erträglich wäre und denkt dabei zuerst an die Lagunenstadt, wo ihn sein ehemaliger Schüler Heinrich Köselitz alias Peter Gast, der inzwischen als Musiker dort lebt, umsorgen könnte. Nietzsche interessieren weder Kirchen oder Paläste, noch Gondeln, Kanäle oder die Lagune, er sucht vor allem Ruhe. Er wolle still „auf dem Markusplatz sitzen und Militärmusik hören, bei Sonnenschein“ und „alle Festtage die Messe in S. Marco“ hören. Venedig habe zudem den Vorzug, dass man dort auch mit wenig Geld anständig leben kann. In der Biberrepublik habe „die Armut etwas Achtbares und zum Ort Stimmendes“.

Paul Signac, Venice, Grand Canal, 1905, Öl auf Leinwand, 735 x 921 cm Toledo Museum of Art, Toledo

Am 13. März 1880 trifft Nietzsche erstmals in der Serenissima ein. Es geht ihm nicht gut und er scheint vom Zauber der Umgebung kaum etwas wahrgenommen zu haben. Wir erfahren nichts über seine ersten Eindrücke, wissen nicht einmal wie er in seine Unterkunft in der Nähe des Markusplatzes gelangt ist, zu Fuß entlang der Strada Nuova, oder vielleicht doch in einer Gondel, denn der „Tramway-Vaporetto“ stand nach Sonnenuntergang nicht mehr bereit.

Köselitz hat ihn in der Calle del Ridotto 1362 einlogiert, von wo er ein „Stückchen Aussicht nach der Salute“ auf der anderen Seite des Kanals hat. Er muss seinen Lehrer „durch die Stadt führen wie einen Blinden“, dabei lobt er vor allem das „gleichmässige Trachytsteinpflaster“ und die schattigen Gässchen: „In den dunkeln Gäßchen zu gehen thut meinen Augen wohl“, schreibt er der Mutter, und: „schön, aber kalt, doch konnte ich Nachmittags im Freien Cafe trinken, bei Musik, alles war mit Fahnen geschmückt, und die Tauben von St. Marcus flogen friedlich umher.“ Nach zwei Wochen zieht er um in den Palazzo Berlendis, einen riesigen Barockpalast im Nordosten der Stadt an den Fondamenta Nuove 6294, „nicht in den engen Lagunen gelegen, sondern frei wie am Meere, mit dem Blick auf die Todteninsel“. Dort diktiert er Köselitz seine Gedanken über die „ausklingende Christlichkeit in der Moral“ unter dem Titel L’Ombra di Venezia. Daraus wird später die Morgenröthe. Der ursprüngliche Titel ist mehrdeutig. Ombra bedeutet in Venedig nicht nur Schatten. Der Venezianer bezeichnet damit auch ein kleines Glas Wein. Man trinkt in der Lagunenstadt zu jeder Tageszeit einen ombra. Als es noch keine Kühlschränke gab, wanderten die Weinverkäufer den Tag über mit dem Schatten des Campanile über die Piazza, daher der Name. Endlich knüpft Nietzsche mit diesem Titel auch an seine letzte Schrift Der Wanderer und sein Schatten an.

Nietzsche lebt zurückgezogen: „100 tiefe Einsamkeiten bilden zusammen die Stadt Venedig — dies ihr Zauber. Ein Bild für die Menschen der Zukunft“, und er schickt Grüße aus „der Stadt des Regen’s, der Winde und der dunklen Gässchen.“ Als endlich die Sonne scheint, geht es hinaus auf den Lido, schließlich hatten die Ärzte ihm Seebäder verordnet. Zur Kur gehört auch Köselitz‘ Musizieren: „Ohne Musik ist das Leben ein Irrthum“. Er muss seinem Lehrer oft stundenlang vorspielen, am liebsten Chopin. Dabei tut Nietzsche diese ganze „Musikmacherei“ überhaupt nicht gut und er weiß auch warum: „der übermässige Gebrauch der Musik bindet die Verstandeskräfte und entfesselt die Affecte“, schreibt er in der Morgenröthe (Aph. 207). Die Kopfschmerzen kehren zurück, Ende Juni verlässt er die Stadt, es ist ihm schon viel zu heiß.

Kaum ist er im Norden, zieht es ihn vehement in die Lagunenstadt zurück und ihn „dürstet“ förmlich nach Köselitz‘ Klavierspiel. Musik sei „bei weitem das Beste; ich möchte jetzt mehr als je Musiker sein.“ Das hatte ihm schon Wagner vehement auszureden versucht. Auch er gehört zu Venedig. 1858 ist im Palazzo Giustinian der zweite Akt des Tristan entstanden. Nietzsche weiß das. Auch der Maestro kehrt immer wieder in die Serenissima zurück, wo er am 13. Februar 1883 im Palazzo Vendramin stirbt. Die Gondeln tragen Trauer und Nietzsche meidet die Stadt in diesem Jahr, Wagners Tod geht ihm zu nah.

Erst im Frühjahr 1884 kehrt er zurück und wohnt bei Köselitz in der Calle Nuova 5256 in San Canciano. Dort hört er dessen Musik, die für ihn selber „eine Art idealisirtes Venedig“ ist. Und er besucht auch Bibliotheken. In der Fondazione Querini-Stampalia, einer herrlichen Bibliothek am Campo Santa Maria Formosa, exzerpiert er Hippolyte Taines Notes sur l’Angleterre. In Nietzsches Exzerpten geht es dann aber um Venedig, genauer um zwei Engländer, die der alten Seerepublik absolut verfallen waren: Der englische Kunstgelehrte John Ruskin, Verfasser der Stones of Venice und dessen Freund und Lehrer, der Maler William Turner, der die Stadt in unzähligen Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden gefeiert hat.

Im Frühjahr 1885 ist der vierte und letzte Teil des Zarathustra fertig und Nietzsche eilt erneut in die Serenissima. Diesmal wohnt er direkt am Aufgang zur Rialtobrücke, am Fondaco dei Tedeschi, bei einer etwas zwielichtigen Vermieterin. Sie empfängt „Officiersbesuche“ und Nietzsche ist begeistert: “Zur Feier von Zarathustra’s Fertigwerden bei einer putana veneziana wohnen, das ist toll!“ In seinem Notizbuch hält er dann fest, ein armer Gondoliere in Venedig sei „immer noch eine bessere Figur als ein Berliner wirklicher Geheimrath, und zuletzt gar noch ein besserer Mann: das greift man mit den Fingern. Man frage darüber bei den Weibern an.“

Nietzsches vierter Aufenthalt im Frühjahr 1886 ist von kurzer Dauer. Köselitz ist in Wien „und es fehlt an Zerstreuung“. Schon nach wenigen Tagen reist er wieder ab und kommt im Jahr darauf zum ersten Mal im Herbst in die Lagunenstadt. „Die Luft ist schöner, kräftiger, klarer als ich sie je in Venedig gefunden habe, aria limpida elastica.“ Er wohnt in einem „ruppigen Kämmerchen“ direkt hinter dem Napoleonischen Flügel der Prokuratien, Calle dei Preti 1263, hat aber die herrliche Piazza gleich um die Ecke. Sie sei sein „schönstes Studierzimmer“, in das er sich zurückziehe, wie einst Heraklit „in die Freihöfe und Säulengänge des ungeheuren Artemis-Tempels“ (Genealogie der Moral). Zur Piazza gehören auch die Tauben, mit denen der Philosoph schon bei seinem ersten Besuch in der Lagunenstadt Zwiesprache gehalten hat. Sie gehören zusammen mit dem Löwen zu den Tieren Zarathustras. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt.“

Nietzsche liebt nicht nur die Piazza und die Tauben, er liebt auch San Marco, den „bunten Bau“, die „Augen-Wunderweide“, mit ihren funkelnden „Gold-Zieraten“, die am Vormittag gleißend hell und am Abend, bei Sonnenuntergang in feuriger „Rosen-Pracht“ leuchten. Weder Goethe noch Jacob Burckhardt, Nietzsches eigentliche Gewährsleute für Kunst und Architektur in Italien, wussten diese bunte Pracht zu schätzen. Ihr Vorbild ist Palladio, geometrisch weiß. Und Nietzsche? Auf dem Markusplatz findet eine Umwertung statt. Angesichts der byzantinischen Fülle von San Marco schlägt er sich mit einem Mal auf die Seite der Romantiker und seines einstigen Gegners. Auch für Wagner war diese Kirche „einfach eine Zauberei“. Nietzsches zitternd bunte Seligkeit, das ist Turner, das ist Tristan.

In den letzten Tagen von Turin, unmittelbar vor Nietzsches Zusammenbruch, dreht sich alles um Venedig. In Ecce homo beschwört er die Stadt der Musik und des Wassers noch einmal herauf, Musik und Venedig werden jetzt eins: „Wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.“

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik —
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus…
Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
— Hörte Jemand ihr zu?…“

Mit diesen Versen fährt Nietzsche am 9. Januar 1889 in Begleitung seines Freundes Franz Overbeck ein letztes Mal zurück nach Basel in die Psychiatrie. Dieses Gedicht begleitet ihn in die geistige Umnachtung. Während der ganzen Fahrt über den Gotthard singt er lauthals von Venedig, Gondeln, Lichtern und Musik. Es ist, als wäre Nietzsche in der Lagunenstadt untergegangen, nicht in Turin.

Renate Müller-Buck

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