Der Lido von Venedig: Ein Spaziergang von der Vergangenheit in die Gegenwart
Share

Das ikonische Grand Hotel Excelsior auf dem Lido, 1907 von Giovanni Sardi im maurischen und byzantinischen Stil erbaut
Luxus, Belle Époque, Dolce Vita – das kommt einem spontan in den Sinn, wenn vom Lido von Venedig die Rede ist. Die der Serenissima vorgelagerte schmale, langgestreckte Insel entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum mondänen Seebad mit glamourösen Hotels, die ihre mondäne Aura bis heute bewahrt haben. Begonnen hatte die touristische Entwicklung damit, dass seit 1882 Vaporetti von San Zaccaria zum Lido fuhren und die Insel bald danach mit Elektrizität und einer Wasserleitung versorgt wurde. Heute treffen sich hier der Geldadel und der internationale Jet Set, vor allem während des Filmfestivals jeweils Anfang September. Erstmals fand dieses Ereignis 1932 auf der Terrasse des 1908 eröffneten Luxushotels Excelsior statt, eines architektonischen Konglomerats von maurischen, mittelalterlichen und venezianisch-byzantinischen Elementen. Hier logierten Persönlichkeiten wie Sir Winston Churchill, der Herzog und die Herzogin von Windsor, der Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck sowie zahlreiche Filmstars. An der Marconi-Promenade, dem Lungomare, wo sich der Palazzo del Cinema und der Palazzo del Casinò, Wahrzeichen der Internationalen Filmfestspiele, befinden, erinnert das seit 2010 geschlossene Hotel Des Bains an glanzvolle Zeiten. Bei seiner Eröffnung 1900 war es das modernste Haus am Platz, ausgestattet mit Strom- und Trinkwasserversorgung, Aufzügen, Kühlschränken, Telefon und Zimmern mit eigenen Bädern. Die Fassade des Mittelbaus nimmt auf Palladio Bezug. Im Des Bains ließ sich Thomas Mann zu seiner Novelle «Tod in Venedig» inspirieren. Den gleichnamigen Film drehte Luchino Visconti 1971 in eben diesem Hotel und in den Bagni Alberoni. Im Des Bains starb 1929 der große russische Ballettimpresario Sergei Pawlowitsch Diaghilew. Trotz Versuchen, das Des Bains wieder zu beleben, etwa durch den Einbau von Luxusapartments, dämmert das Baumonument weiter vor sich hin.
In Betrieb hingegen ist das 1907 eröffnete und 2007 restaurierte Gran Hotel Ausonia Hungaria im Inneren der Insel. Es hat sich aus einer zweistöckigen Villa zu einem monumentalen Juwel des Jugendstils entwickelt. Einzigartig ist die vom Keramiker Luigi Fabris gestaltete, 700 Quadratmeter große Majolika-Fassade mit Pflanzenmotiven und Figuren. Der Name Ausonia Hungaria verbindet Italien mit Ungarn und zeigt an, dass man ursprünglich vor allem Gäste aus dem ungarischen Teil der Donaumonarchie ansprechen wollte.
Gleichzeitig mit den Luxushotels entstanden auf dem Lido private Sommerresidenzen. Damals verlegten wohlhabende Venezianer ihre Feriensitze vom Festland auf die Insel. Cafés, Restaurants und Geschäfte säumen den etwa 700 Meter langen Boulevard der Insel, den Gran Viale Santa Maria Elisabetta, der von der Lagune zum offenen Meer führt.
Wenn der Lido von Venedig gerne als «Goldene Insel» bezeichnet wird, so trifft dies nur auf ein Teilgebiet zu. Zum Spektrum des Eilands gehören auch weniger bekannte, gleichwohl erstrangige Sehenswürdigkeiten, Kunstdenkmäler mit langer Tradition sowie eine Vielzahl von Naturschönheiten: einsame Strände, Dünen, Pinien- und Kiefernwälder, Naturschutzgebiete mit reicher Vegetation, wo Zugvögel und geschützte Arten wie die Zwergseeschwalben nisten. Radfahrer, Segler und Ruderer schätzen diese Naturszenerie. Allerdings verkehren auf der 11 Kilometer langen Insel auch Autos und Busse.

Wer mit dem Vaporetto von Sant’Elena über die Lagune zum Lido fährt, dem sticht als Erstes ein kreisrunder Bau ins Auge. Dabei handelt es sich um die Votivkirche Santa Maria Immacolata. Ihre Errichtung verdankt sie einem Gelübde des Patriarchen von Venedig, der 1916 gelobte, der Mutter Gottes eine Kirche zu erbauen, wenn Venedig den damals tobenden Weltkrieg unversehrt überstehen sollte. Heute ruhen in der Krypta des erst 1937 fertiggestellten Gotteshauses die sterblichen Überreste von mehreren Tausend Soldaten aus den beiden Weltkriegen. In unmittelbarer Nähe, am Piazzale Santa Maria Elisabetta mit der gleichnamigen Kirche, befindet sich die Anlegestelle der Vaporetti.
Bis ins 19. Jahrhundert zählte der Lido nur wenige Bewohner. Um die Kirche Maria Elisabetta entstand ein Dorf, das sich unter dem Namen Lido zum Hauptort des Eilands entwickelte. 1883 wurde es von der Serenissima eingemeindet, zusammen mit Alberoni im Süden und dem schon in der Römerzeit besiedelten Malamocco. Dieses war einst der Hafen von Padua und lange Zeit die einzige Siedlung auf der Insel. Hier residierte auch der Doge, ehe sein Sitz im 9. Jahrhundert nach Rialto, in das heutige Venedig verlegt wurde. In Malamocco gibt es noch immer Gemüsegärten, in denen unter anderem Artischocken von bester Qualität wachsen. Das nahe gelegene Gebiet von Alberoni ist vor allem bei Urlaubern beliebt. Neben den Bagni Alberoni, wo Visconti die Außenaufnahmen zum “Tod in Venedig” drehte, steht Sportliebhabern ein 18-Loch-Golfplatz zur Verfügung.
Der nördlichste Teil der Insel heißt San Nicolò. Er umfasst ein Naturschutzgebiet mit Kiefernwald, das sich bis zu den Badestränden erstreckt, und bietet zauberhafte Ausblicke auf Venedig. Der Ort verdankt seinen Namen einer Kirche aus dem 11. Jahrhundert, wobei die ursprünglichen Bauten in späteren Jahrhunderten neu errichtet und vergrößert wurden. Das zugehörige Kloster ist heute Sitz des Global Campus of Human Rights. An einer Wand neben dem Kirchenportal ist als Zeugnis des ersten Baus das Fragment eines Bodenmosaiks zu sehen. Es zeigt einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Die Nikolaus-Kirche verwahrt auch einen Teil der Reliquien des Heiligen von Bari.
Unweit der Kirche San Nicolò trifft man auf eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art, den Aeroporto Giovanni Nicelli. Er gilt als der älteste zivile Flughafen Italiens und als einer der schönsten der Welt. Als Aeroporto Venezia San Nicolò 1915 für militärische Zwecke gebaut, diente er später dem Warentransport per Luftfracht. Er wurde nach dem Jagdflieger Giovanni Nicelli umbenannt, der 1918 mit 24 Jahren starb, nachdem sein Flugzeug in der Luft in zwei Teile zerbrochen war. 1926 wurde der nur über eine Graspiste verfügende Aeroporto für den zivilen Luftverkehr geöffnet. Der erste Linienflug bediente die Strecke Klagenfurt/Wien. Mit dem 1935 in Betrieb genommenen Passagierterminal entstand ein Architekturjuwel, das international Bewunderung fand. Guglielmo Sansoni, unter dem Künstlernamen Tato bekannt, schmückte die Hallen mit Gemälden zum Thema Luftfahrt, während der Architekt Mario Emmer auch die Gestaltung der Bartheke und die Dekoration des Restaurants vorgab. So entstand ein hochkarätiges, dank sorgfältiger Restaurierung im ursprünglichen Zustand erhaltenes Art-Deco-Ensemble mit eleganten Innenräumen, Gärten und Außenterrassen, würdig der Stars, die bis zur Eröffnung des Flughafens Marco Polo im Jahr 1960 zum Besuch des Filmfestivals direkt auf dem Lido landen und neben der Abfertigungshalle in Motorboote umsteigen konnten. Heute wird der Flughafen Nicelli vom Aeroclub Venedig betrieben und kann für private Events gemietet werden.
Im Areal von San Nicolò befindet sich auch der geschichtsträchtige Jüdische Friedhof. Das Grundstück war 1389 von der Stadtrepublik der ansässigen jüdischen Gemeinde zugesprochen worden und wurde bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts genutzt. Die Grabsteine zeugen vom Leben und Wirken von Kaufleuten, Rabbinern und Ärzten. Im Laufe der Jahrhunderte war der Friedhof durch Erosion, Verwitterung und Kriegsschäden zunehmend dem Verfall ausgesetzt. Als er in der Zeit des Faschismus 1938 endgültig geschlossen wurde, war vom ursprünglichen Areal nur noch die Hälfte übrig. 1999 begann dann ein mit öffentlichen und privaten Mitteln finanziertes Restaurierungsprojekt, dank dem inzwischen über 1000 Grabsteine aus dem 16. bis 18. Jahrhundert wiederhergestellt und katalogisiert werden konnten. So führt ein Rundgang auf dem Lido auch zu einem Ort der Erinnerung an jene immer wieder verfolgten Einwohner Venedigs, die das Leben der Stadtrepublik während Jahrhunderten mitgeprägt und zu deren wirtschaftlichem Gedeihen beigetragen haben.
Im Winter gehört der Lido den Einheimischen. Am Lungomare G. D’Annunzio, wo im Sommer auf dem langen Sandstrand die Liegen und Sonnenschirme dicht an dicht stehen, trifft man vereinzelte Spaziergänger mit ihren Hunden, Unentwegte wagen sich auch bei kalten Temperaturen ins Wasser, ein Afrikaner mit einem Bündel bunter Schals auf den Schultern sucht geduldig, doch meist vergeblich nach Kundschaft, unter den Füßen der einsamen Wanderer knirschen die zerbrechenden Muscheln, die vom Meer unaufhörlich angeschwemmt, aber zu dieser Jahreszeit von niemandem weggeräumt werden. Am Horizont sieht man keine Ausflugsboote, nur eine Kolonne von Frachtschiffen. Für Ruhesuchende ist das die beste Zeit, den Lido zu erkunden.
Franz Zelger

