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De Gustibus

DE GUSTIBUS 2021

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Was man nicht haben kann, will man am allermeisten. Ins Restaurant gehen zum Beispiel. Freunde erzählten, dass man in Rom kann, zwar nur zum Mittagessen, aber was würde ich jetzt dafür geben? Bei den angenehmen Frühlingstemperaturen der Hauptstadt draußen sitzen und in einem der vielen gutbürgerlichen Trattorien oder Osterien essen, mit den alten Kellnern in ihren Uniformen, die einem das Tagesmenü zuflüstern: bei Orazio, beim Moro, bei Baba, bei der Sora Lella, bei Valentino, bei Danilo, bei Fortunato, beim Toscano, bei Felice, bei Flavio, bei Pierluigi, bei Umberto oder Tonino oder Scarpone.

Man verfällt leicht in Träumerei. Das römische Lebensgefühl, gestikulierende Menschen, Bewegung auf den Straßen, das Läuten der Glocken und das Brummen der Vespas, auf der Piazza rennen Kinder im Schatten eines Borromini-Brunnen, und dann kommt das Essen. Überspringen wir Vor- und Hauptspeisen, ich will genießen, kommen wir gleich zum Dessert. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass der Ober in einer großen Kristallschale Fragoline di Bosco aus Nemi bringt: Die Walderdbeeren, die beim Vulkansee in den römischen Castelli wachsen.
Dem Mythos nach sind sie aus der Vermischung der Tränen von Venus und dem Blut von Adonis entstanden, den der Gott Mars, getarnt als Wildschwein, getötet hat. Die alten Römer hielten jedes Jahr für Adonis ein Fest und aßen dazu Walderdbeeren en masse, bis heute hält sich dieser Brauch in Nemi. Der See ist auch so einen Besuch wert, in einem Museum kann man die Reste von Neros Prachtschiffen bewundern, Michael Ende schrieb hier „Momo“ und Teile von „Die unendliche Geschichte“, und im Sommer kann man sogar baden.

Aber zurück zu den Fragoline. Man kann sie nature verzehren, nur mit Zitronensaft und Zucker, oder eingetaucht in warme Zabaglione: Die köstliche Weinschaumcreme, die im heißen Wasserbad mit dem Zusatz von Marsala geschlagen wird. Und da wir in einer Zeit leben, in der wir uns mit Träumerei begnügen müssen, stelle ich sie mir jetzt so vor. Ich sitze im Restaurant in Rom, die Sonne küsst mein Gesicht, ich tauche den Löffel in die Schale ein, sie ist gefüllt mit blutroten Fragoline, reich übergossen von der goldenen Zabaglione. Ach, wie ich genieße. Und schon geht es mir ein bisschen besser.

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