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In eigener Sache

In eigener Sache 2019

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Ein Faszinosum der deutschen Sprache ist ihre komplexe Einfachheit. Mir fällt keine andere Sprache ein, die es vermag, Worte so zu verbinden, dass sie komplett neue Bedeutungen annehmen. Aus einem Wortstamm kann man unzählige Varianten mit anderen Bedeutungen formen, wenn nur an der richtigen Stelle ein unterschiedliches, meistens winziges Präfix platziert wird.

Ein Beispiel: Das simple Fahren verwandelt sich in einem Atemzug in überfahren, zufahren, vorfahren, verfahren, auffahren, erfahren, losfahren, fortfahren usw. Der Stamm bleibt, die Bedeutung ändert sich. Man muss aufpassen. Die Präfixe sind so klein, dass man sie als harmlos einschätzen, ja sogar übersehen könnte, ihre Wirkung aber ist enorm.

Als ich mich der deutschen Sprache annäherte, invertierte ich oft die Worte, und „Zugnacht“, „Stuhlfahr“ oder „Ballfuß“ waren Kombinationen, die auch meine fantasievollsten Freunde nicht sinnreich entziffern konnten. Dass die berühmte deutsche Präzision auch sprachliche Relevanz hat, musste ich ebenso lernen. Dass „fahren“ zum Beispiel nicht wie im Italienischen gleichbedeutend mit „gehen“ ist, merkte ich erst, als ich aus einer Tiefgarage (garage profondo) kommend den „Ausgang“ mit der „Ausfahrt“ verwechselte und plötzlich fassungslos mit dem Auto an der Kante einer steilen Treppe stand.

„Lernen“ wiederum ist nicht gleich „studieren“. Auch hier begriff ich recht schnell den Unterschied, als ich als blutjunge Mutter zu jemandem sagte, „meine Kinder studieren gerne“ und als Antwort zu hören bekam: „Oh, ich dachte, Sie wären noch jung“. Über die Bemerkung musste ich erst nachdenken, alt fühlte ich mich aber sofort.

Der Nicht-Deutsche versucht, sich gewisse Ausdrücke zu merken, die besonders oft im Gespräch vorkommen. „Ärgerlich“ zum Beispiel ist ein im Deutschen häufig benutztes Wort. Vieles ärgert, eine Verspätung, eine Unstimmigkeit, eine Unklarheit, „das ärgert mich“, ist ein gern gebrauchter Standard-Satz. „Alles klar“ im Gegenzug ist ein positiver, verbindlicher Begriff. Kurioserweise dient er sowohl zur Eröffnung (als Frage: „Alles klar?“), als auch zum Abschluss eines Gesprächs.

„Wer fährt?“ gehört auch zum Standardvokabular. Für eine Venezianerin war diese Frage, die sich jedes Paar routinemäßig am Anfang eines gesellschaftlichen Abends stellte, naturgemäß völlig unverständlich. Meine spontane Interpretation war, dass es den Leuten wohl hier überhaupt nicht gefallen musste, warum sonst würden sie schon wieder abfahren wollen?

„Geburtstagskind“ ist ein einzigartiges deutsches Wort, was auch den Achtzigjährigen für einen Tag zum Kind werden lässt. Ich war in der Sprachschule gerade bei der Geburtstagslektion angelangt, als ich beim Falschparken auf eine robuste Ordnungshüterin traf. Sie war schon dabei, mich Aufzuschreiben, als ich ihr inspiriert verriet: „Ich bin heute ein Geburtstagskind!“ Und siehe da, sie gratulierte mir und erließ mir den Strafzettel.

Dann wäre da noch der „Geschmack“. Jemand hat ihn oder nicht, den Unterschied macht das Suffix: der eine ist geschmackvoll, der andere geschmacklos. Was mich in meinen ersten Jahren in Deutschland wunderte, war die geringe Wichtigkeit, die diesem Ausdruck, oft der Zweckmäßigkeit unterordnet, beigemessen wurde. Und manches, besonders im kulinarischen Bereich, hat sich leider bis heute gehalten.

Es ist falsch, Parmaschinken in „Lagen“ zu kaufen. Die verwelkten, blaugrauen Scheiben sind so unpräsentabel, dass sie sich schämen. Frisch geschnitten muss der Schinken sein, für jeden Kunden. Und der arme Cappuccino, nicht nur kostet er unnötigerweise so viel wie ein Laib Brot, sondern zumeist wird er noch mit H-Milch zubereitet. Dass sich das in einem Land der Milch wie Deutschland durchgesetzt hat, ist ein Affront an den Geschmack.

Und was ist mit dem Tick der Ober, den fertigen Teller mit Pfeffer aus diesen unmöglichen Holztrompeten, die nur in Deutschland zu bewundern sind, zu besprenkeln? Sind die Köche geschmacksarm oder ist das Leben zu blass und braucht ein bisschen Extra-Würze?

Ich bleibe bei meiner Meinung: allen sei es gegönnt sich in atemberaubenden Esskombinationen zu versuchen, aber der wahre Geschmack, mich den Wörtern von Arrigo Cipirani anschließend,  ist „la semplicità complessa“, genau, wie sie die deutsche Sprache innehat.

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