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Der andere Leonardo

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500 Jahre Leonardo da Vinci: Großes Jubiläumsjahr zum Todestag

Aus den Werken Leonardo da Vincis weht ein kalter Hauch. In seiner «Heiligen Anna Selbdritt» dreht ein mutwillig Mutter und Grossmutter trotzender Jesusknabe einem Lamm den Hals um. Seine Engel in den beiden Fassungen der «Felsgrottenmadonna» sind von ebenso berückender wie eisig unnahbarer Schönheit – auf ihren Schutz am Rande des Abgrundes sollte sich niemand verlassen. Sein Wandbild der Anghiari-Schlacht war von der florentinischen Stadtregierung als Instrument der patriotischen Erbauung und Selbsterziehung der politischen Klasse gedacht; Leonardo schuf stattdessen – wie aus Vorzeichnungen und späteren Kopien des heute verschwundenen Gemäldes sicher zu schliessen ist – ein Manifest negativer Anthropologie in Farben: Die in rasender Kriegswut aufeinander prallenden, ineinander verschlungenen, sich wechselseitig zerfleischenden Söldner von Florenz und Mailand zeigen exemplarisch, was den Menschen von den Tieren unterscheidet, nämlich die reine Lust am Töten. Der Christus seines «Letzten Abendmahls» im Refektorium des Mailänder Klosters Santa Maria delle Grazie wird von einem habgierigen Gefolgsmann verraten und verkauft: eine rein menschliche Tragödie, kein Heilsgeschehen.

Der Mensch ist für Leonardo nicht erlösungsfähig, von den Gesetzen der Natur, die ihn hervorbringt und wieder vergehen lässt, löst ihn nichts und niemand ab. Im Gegenteil: vieles spricht dafür, dass die ewige Natur diese problematischste Hervorbringung ihrer reichen Schöpfungspalette eines nicht allzu fernen Tages wieder zerstören wird. Diesen Untergang des Menschengeschlechts durch ungeheure Wolkenbrüche, Erdrutsche und Tsunamis hat Leonardo am Ende seines Lebens gleich mehrfach gezeichnet: präzise in der Erfassung der entfesselten Naturkräfte, mitleidlos in der Skizzierung des vergeblichen Wehklagens über ein voll und ganz verdientes Schicksal.

Dieser zutiefst pessimistischen Sicht des Menschen hat Leonardo, der Literat, in seinen hoch verdichteten Fabeln und Rätseln unmissverständlichen Ausdruck verliehen. Wer schreit und klagt über den Verlust der Jungen, die jetzt getötet und zerstückelt werden? Die Mailänder Höflinge, die als Antwort auf diese Denkaufgabe die Neugeborenen von Bethlehem nannten, lagen völlig falsch – gemeint waren die mindestens ebenso unschuldigen Lämmlein, die zur barbarischen Feier des Osterfestes geschlachtet und verzehrt werden. Leonardos Blick auf die Natur, diese ungeschaffene, alles durchpulsende Kraft, ist umgekehrt: Er sieht sie mit den Augen der Tiere und Pflanzen, der Geschöpfe, die unter dem durch nichts gerechtfertigten Anspruch des Menschen, Krone der Schöpfung zu sein, leiden. Dieser befremdete Blick, der sich in seinen Bildern christlicher Themen mit nichtchristlicher Botschaft widerspiegelt, ist für seine Zeitgenossen zutiefst irritierend, da er alle scheinbar gesicherten Wahrheiten der Bibel und des Aristoteles leugnet und damit eine ungeheure Aufgabe postuliert: die Gesetze der Natur und damit den Menschen, dieses unbekannte Wesen, erstmals unvoreingenommen und unbestechlich, ohne religiöse oder philosophische Schönfärberei, zu erforschen.

Judas Rötel auf rötlich präpariertem Papier
Jakobs major
Judas, Rötel auf rötlich präpapiertem Papier

Diesen bislang unerkannten Menschheitsauftrag hat sich Leonardo in einsamer Mission zu eigen gemacht und durch von unstillbarer Neugierde genährte Beobachtung zu erfüllen versucht: Die Tausenden von Zeichnungen in seinen Notizbüchern stehen am Anfang dieser Katalogisierung der Welt – Malerei war für Leonardo Philosophie, Philosophie Erforschung der Natur mit dem Instrument des Zeichenstifts. Für die humanistischen Edelfedern der Zeit wie etwa Baldassare Castiglione waren das Hirngespinste eines bildungslosen Irrläufers, der seine Auftraggeber durch Nichterfüllung oder, schlimmer noch, subversive Unterwanderung ihrer Bestellungen vor den Kopf stiess und damit seine ungewöhnliche Begabung vergeudete.

Leonardo sah das anders: In der Erforschung der Natur offenbarte sich die andere, die erhabene Seite des Zwitterwesens Mensch: Als einziges Geschöpf der Natur ist der Mensch in der Lage, ihren Gesetzen und damit seinem eigenen Bauplan auf die Spur zu kommen.

Die wichtigsten dieser Ergebnisse hat Leonardo im Bild und in Worten festgehalten: Die Seele des Menschen ist sein Bewusstsein, das von den Sinnen gespeist, im Koordinierungszentrum des Gehirns zusammengefügt wird, Wünsche, Regungen und Handlungen hervorbringt – und mit dem Tod vergeht. Als Lehrling und Nachahmer der Natur kann der Mensch deren Regeln nicht nur nachvollziehen, sondern auch in Apparaturen und Maschinen nutzbar machen und damit seine Lebensbedingungen verändern, doch nicht sich selbst und sein Wesen.

Jacobus major, Rötel, Feder und Tinte

So sind Leonardos im 20. Jahrhundert als bahnbrechende Pionierleistungen moderner Technik und Technologie gefeierte Erfindungen von Flugschrauben und Superwaffen immer auch anthropologische Gratwanderungen und Grenzgänge, mit denen die nicht geheure Janusköpfigkeit des Menschen, seine Kreativität und seine Destruktivität, ausgelotet werden soll. Diese unerschrockenen Erkundungsfahrten können wir heute, nach den Schrecknissen der jüngeren Vergangenheit, besser denn je nachvollziehen und würdigen.

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